Leuchtturm 3

Unser Wertemanifest

Unser Wertemanifest
Freiheit

 Was ist Freiheit?

 Wie ist eine Welt der Freiheit?

 Wie ist die Welt in der wir leben?

 Wir verändern die Welt!

Gleichheit

Was ist Gleichheit?

Wie ist eine Welt der Gleichheit?

Wie ist die Welt in der wir leben?

Wir verändern die Welt!

Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit?

Wie ist eine Welt der Gerechtigkeit?

Wie ist die Welt in der wir leben?

Wir verändern die Welt!

Solidarität

Was ist Solidarität?

Wie ist eine Welt der Solidarität?

Wie ist die Welt in der wir leben?

Wir verändern die Welt!

Vielfalt

Was ist Vielfalt?

Wir verändern die Welt!

Frieden

Was ist Frieden?

Wie ist eine Welt des Friedens?

Wie ist die Welt in der wir leben?

Wir verändern die Welt!


Hier gibt es das Wertemanifest zum Download

Unser Wertemanifest


Wir Kinderfreunde und Roten Falken arbeiten an einer besseren Welt. Es ist dieser Antrieb, der uns als Organisation seit über 100 Jahren zusammenhält. Das haben alle Kinderfreunde-Gruppierungen gemeinsam: Wo das Kinderfreunde-Herz drauf ist, ist diese Kinderfreunde-Idee drin. Wir können es schaffen, die Welt zu verändern: Weil wir wissen, wo wir hinwollen und weil wir viele sind. Und wenn viele Menschen an vielen verschiedenen Orten Schritte setzen, dann verändern wir die Welt. Alle zusammen. Schritt für Schritt.

Diese Geschichte unserer „Verändern wir die Welt“-Kampagne wurde schon oft erzählt. Seit 2013 verbreitet sie sich wie ein Lauffeuer durch die Organisation und das liegt daran, dass sie einen Nerv getroffen hat: Wer bei den Kinderfreunden tätig ist, trägt diesen Willen zur Veränderung im Herzen. Überall, wo die Geschichte erzählt wird, beginnen die Menschen automatisch darüber nachzudenken, was sie in ihrem konkreten Lebensumfeld verändern können und somit Teil dieser Veränderungsbewegung zu werden.

Die Kinderfreunde sind eine Gemeinschaft, die sich wie kaum eine andere über ganz tief verankerte Werte definiert. Kinderfreund oder Kinderfreundin zu sein, bedeutet, gewisse Werte im Herzen zu tragen. Und diese Werte sind es, die uns ermöglichen die Welt zu verändern. Hätten wir diese Werte nicht, könnten wir den Unterschied gar nicht sehen, den es zwischen der realen Welt und unserer Vision von einer besseren Welt gibt. Wir wüssten gar nicht, dass es anders geht, als es momentan ist. Wir stünden auf dem Fließband und würden passiv durch das Leben getragen, ohne etwas verändern zu können oder überhaupt zu wollen.

Es macht uns besonders, dass wir diese Werte haben. Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, sie auch weitertragen zu können. Denn wer bei den Kinderfreunden mitmachen will, sollte diese Werte ebenfalls im Herzen tragen. Wir haben deshalb versucht, uns als gesamte Organisation damit zu beschäftigen. Wir haben sechs Werteforen veranstaltet und gemeinsam nachgedacht, wir haben Texte geschrieben und darüber diskutiert und dieses Manifest ist das Ergebnis dieser Beschäftigung und ein Reiseführer für die Welt, von der wir träumen und wie der Weg dorthin aussehen kann.


 

Stell dir vor, dass alles möglich ist


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will. – Jean Jacques Rousseau

„Das ist ein freies Land“ - ein Zitat, das man aus so vielen US-Filmen kennt, dass es fast schon in den Sprachgebrauch eingezogen ist. Meist fällt dieser Satz dann, wenn irgendjemand etwas tun will, was uns zwar nicht gefällt, wir aber leider nicht verhindern können. Und weil Österreich, die USA und auch der Rest der westlichen Welt freie Länder sind, kann theoretisch jede/r tun und lassen, was er/sie will: Es gilt die freie Meinungsäußerung, Religionsfreiheit und natürlich ein Wirtschaftssystem, das allen ermöglicht reich zu werden, wenn sie es nur wirklich wollen. Wenn man genauer hinsieht, bestehen einige dieser Freiheiten jedoch nur auf dem Papier: Ist freie Meinungsäußerung tatsächlich möglich, wenn die öffentliche Meinung von einigen wenigen (Medienkonzernen) bestimmt wird? Können Kinder wirklich frei entscheiden, ob sie religiös sein wollen oder nicht? Und wenn das Wirtschaftssystem wirklich allen die Möglichkeit bietet reich zu werden, wollen dann wirklich so viele Menschen arm sein? Der Verdacht liegt nahe, dass der Millionär und der Obdachlose zwar die gleiche Freiheit genießen, unter der Brücke zu schlafen, jedoch nur jener es tut, der wirklich muss.

An manchen Orten dieser Welt sind es ganz reale Mauern mit all ihren Gitterstäben und Stacheldrahtaufsätzen, die wirkliche Freiheit verhindern. Dass Menschen ein- oder ausgesperrt, gefoltert oder auf sonstige Weise unterdrückt werden, ist eine schreckliche Tatsache, gegen die wir mit aller Kraft auftreten müssen. Bei uns gibt es das zum Glück nicht, möchte man meinen. Aber in Ländern wie Österreich passiert die Einschränkung der Freiheit viel subtiler: Da werden die Gitterstäbe und Mauern schon in die Köpfe der Kinder gebaut, damit sie gar nicht mehr daran glauben, dass ein freies Leben möglich ist. Das passiert in der Schule, über die Medien- und Werbeindustrie und natürlich über das Elternhaus. Da lernen Kinder so früh wie möglich, wie sie funktionieren müssen, um nicht am Ende am Arbeitsmarkt zu Verlierer/innen zu werden. Oder dass es Dinge gibt, mit denen nur Buben spielen und andere, die nur etwas für Mädchen sind. Und manchmal wird es gar nicht gesagt, da erleben sie es nur: Dass es in der Schule nicht zählt, was einen in Biologie besonders interessiert, wenn man in Mathematik und Latein nicht gut genug ist. Und statt sich frei zu entfalten und mit anderen Kindern ihre eigenen Grenzen ausloten zu können, erleben Kinder überbehütet Räume, wo ihr Lebensraum durch unzählige  Zwänge eingeschränkt wird. Hier liegt auch der Unterschied zwischen Regeln und Zwängen: Während Regeln notwendig sein können, um die Freiheit der anderen zu sichern, so sind es meistens Zwänge, die schon Kinder und Jugendliche unfrei machen. Egal, ob ständige staatliche Überwachung, selbstgewählter Social-Media-Exhibitionismus oder das Leben in einer Niedrig-Risiko-Gesellschaft mit LED-Kerzen und schaumgebremsten „sicheren“ Spielorten: Am Ende werden aus diesen Kindern dann Erwachsene, die sich schwer tun, sich unter Freiheit etwas vorzustellen.

 

Was ist Freiheit?

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Wert Freiheit so breit diskutiert werden kann wie kein anderer, weil er auf alle Situationen im Leben angewendet werden kann. In der Philosophie unterscheidet man zwischen „positiver Freiheit“ (Freiheit zu) und „negativer Freiheit“ (Freiheit von). Oft wird in der öffentlichen Debatte nur von negativer Freiheit gesprochen. An einem Beispiel erklärt: Wenn Konservative von „Wahlfreiheit“ bei der Art der Kinderbetreuung reden, so meinen sie damit, dass es gerade mal die theoretische Möglichkeit gibt, dass sich Eltern entscheiden, ob sie beide berufstätig sind oder nicht. Es gibt kein Gesetz oder keine direkte Einwirkung des Staates, die das verhindern könnten. Ob die Eltern doch tatsächlich die Freiheit zu dieser Entscheidung haben, steht auf einem anderen Blatt: Wenn der Kindergarten nur halbtags geöffnet ist, können nicht beide Elternteile arbeiten gehen. Sie hätten also theoretisch die Freiheit, beide berufstätig zu sein, weil sie niemand dazu zwingt, zuhause zu bleiben. Dass es die Rahmenbedingungen für eine wirklich freie Entscheidung nicht gibt, ist ein Mangel an Freiheit, der dabei übersehen wird.

Diese Unterscheidung kann man in fast allen Bereichen anwenden: Natürlich kann sich jeder Mensch frei entscheiden, welchem Beruf er/sie nachgehen will. Wenn er/sie jedoch schlecht bezahlt ist, kann es sein, dass dies nicht einmal zum Leben reicht. Natürlich haben alle Kinder theoretisch das Recht auf Bildung, wenn man jedoch das Pech hatte, vor Krieg und Verfolgung flüchten zu müssen, ist man im neuen Heimatland leider nur zu Gast und hat keinen Rechtsanspruch auf eine Schulausbildung. Oder, wenn man nicht das Glück hat in einem Elternhaus geboren zu sein, das einen von Anfang fördert und inspiriert, weil es den Eltern an finanziellen Ressourcen und Bildungsbewusstsein fehlt, dann wird es eher nichts mit der Wahl seines eigenen Bildungsweges. All diese Beispiele laufen auf einen Punkt hinaus: Freiheit bedeutet nicht nur, Menschen nicht aktiv an etwas zu hindern. Freiheit bedeutet auch, strukturelle Barrieren abzubauen und sie zu ermächtigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Wege zu beschreiten. Denn nur durch den Abbau struktureller Barrieren ist individuelle Freiheit für den/die einzelne/n möglich, jede theoretisch noch so freie Gesellschaft ist das auch in der Praxis, wenn sie auf mutige, couragierte und kritische Menschen bauen kann und nicht auf „Schafe“, die artig und geduldig auf ihre Befreiung durch Gott, Kaiser oder Tribun warten.

Wie ist eine Welt der Freiheit?

Wir Kinderfreunde treten für eine Welt ein, in der…

…die Menschen selbst bestimmen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Um den wirtschaftlichen Druck zu mindern, der momentan diese Entscheidungen bestimmt, braucht es eine ausreichende finanzielle Absicherung aller Menschen unabhängig von deren Arbeitssituation und mehr frei verfügbare Zeit durch Arbeitszeitverkürzung und damit die Umverteilung von Arbeit.

…Kinder ihre eigenen Talente entdecken und verfolgen können, statt schon in frühen Jahren in wirtschaftstaugliche Form gepresst zu werden. Bildung kann befreien – jedoch nur dann, wenn sie rund um das Kind und seine Bedürfnisse organisiert und gedacht wird. Dazu ist eine völlig neue Schule für alle Kinder notwendig, in der im Rahmen eines modularen Systems je nach individuellen Stärken und Schwächen der Kinder selbstgesteuert gelernt wird.

…Menschen dort leben können, wo sie wollen. Vor allem auch dann, wenn sie in ihrer Heimat ein menschenwürdiges Leben aus wirtschaftlichen, politischen oder anderen Gründen nicht möglich ist.

…Kinderrechte nicht nur theoretisch existieren, sondern auch der Zugang zu allen Rechten für alle Kinder auf der Welt möglich ist. Keinem Kind hilft ein theoretisches Recht auf Bildung, wenn eine Vielzahl an strukturellen Barrieren und Diskriminierungen den Zugang in der Praxis verhindern.

…Kinder Freiräume haben können, die sie komplett selbst gestalten und entdecken dürfen. Das gilt sowohl zeitlich als auch räumlich.

…es keine Unterdrückung durch politische oder wirtschaftliche Machthaber/innen gibt. Freiheit ist die Kombination aus Emanzipation, Kritikfähigkeit und einer Gesellschaft, die keine Herren braucht und keine Knechte.

… Kinder lernen, die Freiheit anderer Menschen zu respektieren und dafür eintreten, dass allen Menschen größtmögliche Freiheit ermöglicht wird.

Wie ist die Welt in der wir leben?

In der Welt des Neoliberalismus wird der Freiheitsbegriff oft auf eine missbräuchliche Art und Weise verwendet. Während auf den Finanzmärkten seit Ende der 80er-Jahre immer freier agiert werden kann und keinerlei Rücksicht mehr auf die reellen Auswirkungen der Geldmaschinerie auf echte Menschen genommen werden muss, werden Menschen durch eben diese Entwicklung immer unfreier. Arbeitslosenzahlen von über 30 Prozent wie in Spanien 2014 und Jugend-arbeitslosigkeit von über 50 Prozent wie in Griechenland 2014 sind Ausdruck einer grundlegenden Problematik. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird der Druck auf die einzelnen Menschen oft so groß, dass es spürbar ist. Unterschwelligen Druck gibt es jedoch fast immer. Und er wirkt bis in die Kinderzimmer: Zukunftsängste spielen laut diversen Jugendstudien eine immer größere Rolle für Kinder und Jugendliche. Es ist kein Zufall, dass sich die Gruppe der 16-29-Jährigen immer größere Sorgen um ihre Pension macht.[1] Der wachsende wirtschaftliche Druck ist die Konstante in der Einschränkung von Freiheit in der westlichen Welt. Doch gerade in Fragen der Freiheit ist eine globale Perspektive wichtig. Global gesehen ist der Freiheitsgrad für Kinder und Jugendliche eine regelrechte Katastrophe: Weltweit müssen knapp 17% aller Kinder arbeiten, davon ist ein Drittel in „gefährlicher“ Arbeit, das bedeutet, dass sie körperliche Schäden aus ihrer Arbeitstätigkeit davontragen.[2] In absoluten Zahlen sind das rund 85 Millionen Kinder. 250.000 Kinder weltweit werden als Soldaten eingesetzt,[3] täglich sterben Kinder in Konflikten rund um den Erdball. Diese Kinder und ihre Familien können von Freiheit nur träumen. Es muss unser Ziel als Organisation sein, die Rechte der Kinder weltweit gemeinsam mit unseren Partner/innen umzusetzen und allen Kindern ein gewisses Mindestmaß an Freiheit bieten zu können.

Wir verändern die Welt!

Der wirtschaftliche Druck, der die Freiheit in Österreich und anderen Ländern immer kleiner werden lässt, können wir als Organisation von zwei Seiten bekämpfen. Zum einen muss es unser Ziel sein, die Lebensbedingungen von allen Menschen real zu verbessern. Wir müssen uns auf politischer Ebene dafür einsetzen, dass Armut bekämpft wird, die richtigen Maßnahmen im Sozialsystem gesetzt werden und die absolute Rücksichtslosigkeit des Wirtschaftssystems eingeschränkt wird. Auf der anderen Seite ist es dringend notwendig, ein Umdenken in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen zu bewirken. Freiheit bedeutet in erster Linie, seine eigenen Wege gehen zu können. Kinder werden als freie Wesen geboren, die neugierig sind, verschiedenste Dinge auszuprobieren, Interesse an vielen Themen zeigen und unbeschwert die Welt erkunden wollen. Vielen wird dies jedoch durch den Schulbesuch ausgetrieben weil dieser mit dem individuellen Forschungsdrang der Kinder nicht in die industrialisierten Abläufe unseres Schulsystems passen.

Wir Kinderfreunde wollen die Gegenbewegung dazu sein: Wir schaffen Räume, in denen sich Kinder entfalten können, in denen sie mitbestimmen können, was auf dem Programm steht und in dem ihre Meinung und ihre Interessen etwas wert sind. Die Kinderfreunde-Aktivitäten können ein Raum sein, in dem sich Kinder gemeinsam mit anderen Kindern erproben und die Grenzen ihrer Freiheit entdecken können. Auch in unserer Gesellschaft ist es für viele Kinder nicht selbstverständlich frei zu sein. Wir als Kinderfreunde treten gegen die Überregulierung von Kinderleben ein und wollen selbst freie Spiel- und Abenteuerräume ermöglichen. In diesen muss es Kindern auch möglich sein, auf Bäume zu klettern und im Matsch zu spielen. Abenteuer erleben und Grenzen austesten, das ist in einem sterilen und fallsicheren Raum nicht möglich. Entgegen dem Trend der Komplettverplanung von Kindern bieten wir zeitlich entschleunigte und konsumfreie Blöcke an, in denen sich Kinder ihre Schwerpunkte selbst setzen und ihre Zeit frei einteilen können.  Sich Freiheiten nehmen zu können, ist ein Privileg, das vielen Kindern auf dieser Welt gar nicht zu Teil wird. Wir wollen Kindern zeigen, wie wertvoll dieses Gut ist und ihnen gleichzeitig ein Bewusstsein dafür vermitteln, dass zu absoluter Freiheit auch gehört, dass sie nicht nur für einige wenige gilt, sondern für alle Menschen auf der Welt. Und dass eine solche Welt der Freiheit nicht von alleine kommt, sondern von uns allen erkämpft werden muss. Das muss sie uns wert sein.

[1] http://derstandard.at/1310512283206/Jugendstudie-2011-Stimmung-unter-Jugendlichen-Wenig-Optimismus-dafuer-viel-Angst

[2] http://www.tdh.de/was-wir-tun/arbeitsfelder/kinderarbeit/daten-und-fakten.html

[3] http://www.tdh.de/de/was-wir-tun/themen-a-z/kindersoldaten.html


 

Ein/e Jede/r ist Wichtig


Ohne Unterschied macht Gleichheit keinen Spaß. – Dieter Hildebrandt

Kein Mensch ist genau gleich wie der andere. Für uns Kinderfreunde zählt, Stärken jedes Kindes zu finden und sie auszubauen. Wir stehen für Vielfalt und Unterschiedlichkeit wie kaum eine andere Organisation, begrüßen unterschiedlichste Familienformen, verstehen Menschen aus anderen Kulturkreisen als Bereicherung für die Gesellschaft und fördern die Individualität aller Kinder. Doch trotzdem stehen wir für den Wert „Gleichheit“ – wie geht das zusammen?

Was ist Gleichheit?

Auf den ersten Blick sind Gleichheit und Vielfalt ein Widerspruch. Das ist aber nicht so. Unterschiede zwischen Menschen gibt es, egal, ob wir das wollen oder nicht. Unsere Gesellschaft besteht aus Unterschieden, so wie sie aus einzelnen Menschen besteht: es gibt keine zwei gleichen. Es ist also nicht möglich, sich gegen Vielfalt zu entscheiden. Sehr wohl kann es aber unser Ziel sein (und ist es auch), Gleichheit zu fördern. Damit meinen wir nicht, dass Menschen gleich gemacht werden sollen. Was wir wollen ist, dass unterschiedlichen Menschen Gleiches ermöglicht wird. Jeder Mensch ist anders - aber jeder hat das gleiche Recht auf ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben, auf Bildung und darauf, Träume und Ziele zu verwirklichen.  Damit das möglich ist, braucht jede oder jeder Einzelne eine andere Unterstützung. Wer gleiches ermöglichen will, muss also Unterschiede respektieren und ernst nehmen. Ein gutes Beispiel dafür sind Geschlechterunterschiede. Nie würde uns einfallen, Burschen als wertvoller zu betrachten als Mädchen oder umgekehrt - da gibt es bei allen Unterschiedlichkeiten definitiv kein besser oder schlechter. Trotzdem ist klar, dass manchmal für Burschen und Mädchen unterschiedliche pädagogische Zugänge sinnvoll sind. Das gleiche gilt natürlich im Erwachsenenleben. Unser Einsatz für die absolute Gleichstellung zwischen Männern und Frauen ist ja keine Frage des Alters.  Und wieder ist klar, dass die Unterschiedlichkeiten respektiert und mitbedacht werden müssen. Bloße Vielfalt würde bedeuten, Frauen in Führungspositionen zu akzeptieren – in Kombination mit einem Gleichheitsansatz bedeutet es auch, Rahmenbedingungen zu schaffen, um mehr Frauen dorthin zu bringen, um genau das gleiche zu ermöglichen, was Männern auch ermöglicht wird. Alle anders - alle gleich - Dieser Ansatz ist natürlich auf alle Lebensbereiche anzuwenden. So stellen wir uns eine Schule vor, die nicht Neunjährige in eine von zwei Schubladen steckt, sondern die allen Kindern gleiche Förderung zu Gute kommen lässt - und zwar individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Wir wissen, es gibt viele unterschiedliche Familienformen. Das wollen wir gar nicht ändern - was aber gleich sein muss, sind die rechtlichen Rahmenbedingungen und öffentlichen Unterstützungen für alle Familien, egal ob Vater-Mutter-Kind, Alleinerziehende, Patchwork- oder Regenbogenfamilien. Es ist nicht genug, dass Angebote theoretisch für Menschen mit Migrationshintergrund offen sind, es braucht Anstrengungen, um sie speziell für sie zu öffnen. Die Beispiele ließen sich noch länger fortführen, anhand des Grundsatzes der „vielfaltsbasierten Gleichheit“ kann man ein relativ klares Bild einer besseren Welt für Kinder zeichnen.

Wie ist eine Welt der Gleichheit?

Wir Kinderfreunde treten für eine Welt ein, in der…

…die pädagogischen Angebote für Burschen und Mädchen sich nicht auf die Aufteilung zwischen Prinzessinnen und Helden konzentrieren, sondern auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingeht, ohne stereotype Rollenbilder zu transportieren.

…Kinderrechte auch in der Praxis weltweit durchgesetzt werden können. Während Kinderrechte zumindest theoretisch unteilbar sind und für alle Kinder gelten, sind in der globalen Perspektive doch enorme Unterschiede spürbar. Doch auch in Österreich gelten viele Kinderrechte für Flüchtlingskinder nicht – das widerspricht unserem Verständnis von Gleichheit vor dem Gesetz.

…gesellschaftliche Leistung unabhängig von der sozialen Stellung anerkannt wird. Unsere Gesellschaft braucht Kindergartenpädagog/innen mindestens genauso sehr wie Manager/innen - wie ist es zu rechtfertigen, dass die einen das Zwanzigfache verdienen?

…auf dem Arbeitsmarkt keine Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau bestehen. Frauen werden in ihren speziellen Bedürfnissen so gefördert, dass sie die über Jahrhunderte aufgebauten Nachteile überwinden können.

...alle Kinder in einer gemeinsamen Schule individuell gefördert werden. Nicht das Geldbörsel oder der Bildungsstand der Eltern ist relevant für den schulischen Erfolg, sondern die Interessen, Talente und Leidenschaften jedes Kindes.

...kulturelle Vielfalt als Schatz gesehen wird anstatt als Bedrohung. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Lebenserfahrungen, Traditionen, Sprachkenntnisse mit - und unsere Gesellschaft greift diese als Bereicherung auf und ermöglicht allen Menschen die gleichen Teilhabemöglichkeiten, unabhängig von deren Herkunft.

…niemand aufgrund seiner/ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wird. Gerade im Familienbereich gibt es hier Nachholbedarf: Zum Beispiel müssen homosexuelle Paare rechtlich völlig gleichgestellt sein. Das beinhaltet uneingeschränktes Adoptionsrecht, Eheschließung, Aufnahme von Pflegekindern und so weiter und so fort.

Wie ist die Welt in der wir leben?

Dass die Welt in der wir leben keine Welt der gleichen Chancen ist, kann man gut an den unterschiedlichen Möglichkeiten zeigen, die Männer und Frauen am Arbeitsmarkt vorfinden. Der „Gender pay gap“ beträgt in Österreich mehr als 23 Prozent[1]. Das bedeutet, dass Frauen im Schnitt fast um ein Viertel (!) weniger verdienen als Männer. Das hat viele Gründe, einer davon ist jedenfalls, dass Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer zu großen Teilen von Frauen beantwortet werden müssen. Zwar steigt die Erwerbsquote von Frauen stetig an, jedoch handelt es sich dabei oft um Teilzeitarbeit. Während bei kinderlosen Erwachsenen der Unterschied im Erwerbsanteil noch sehr knapp ist (Männer 91%/Frauen 88%), so geht die Schere auseinander, sobald ein Kind unter 15 Jahren im Haushalt lebt (Männer 96%/Frauen 79%)[2] Die Teilzeitquote von Männern mit Kind liegt bei 5 Prozent, bei Frauen ist sie 14-mal so hoch (70 Prozent)[3]. Diese großen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen führen zu einer massiven Steigerung des Armutsrisikos vor allem für Alleinerzieherinnen und Pensionistinnen.[4]

Der Grundstein für Bildungs- und Berufskarrieren von Männern und Frauen wird zu einem großen Teil bereits in der Kindheit gelegt: Dass zum Beispiel Mädchen weniger häufig in technische Berufe gehen als Burschen, ist kein Naturgesetz. Entscheidend ist hierbei vor allem die kulturelle Prägung. Während Burschen oft schon in jungen Jahren mit Werkzeug oder Chemiebaukasten spielen, bekommen Mädchen oftmals die Rolle der Lieblichen, Glitzernden und Häuslichen zugeschrieben. Natürlich: Jedes Kind, das gerne Prinz/Prinzessin oder Fee sein will, soll das gerne tun. Bei jeder pädagogischen Handlung muss man sich als Elternteil oder erzieherisch tätige Person aber die Frage stellen, wie viel eigene Lenkung dahinter steht. Ein Mädchen, das nur rosa Puppen kennt, wird sich keinen Chemiebaukasten wünschen. Die Entwicklung zu stereotypen Rollenbildern wird auch von der Medien- und insbesondere der Spielzeugindustrie befeuert: Ein Blick in Mädchenzeitschriften und in das an Mädchen gerichtete Kinderprogramm im Fernsehen genügt, um über die Herkunft des rosa Rollenbilds für Mädchen und junge Frauen Bescheid zu wissen.[5]

Man könnte an dieser Stelle auch die Geschichte von der himmelschreienden Ungerechtigkeit erzählen, die dazu führt, dass Kinder aus bildungsfernem Elternhaus oder mit Migrationserfahrung deutlich geringere Chancen haben, eine höhere Schule abzuschließen oder zu studieren - unabhängig von ihren individuellen Leistungen oder Interessen. Und die Geschichte von den unterschiedlichen Rechten von Regenbogen-, Patchwork- oder Alleinerziehenden-Familien gegenüber den “klassischen”. Und wenn wir über den Tellerrand hinausschauen und die Welt als Ganzes betrachten, dann wird noch deutlicher: Das sind Geschichten von einer Welt voller Ungleichheiten. Die wollen wir verändern.

Wir verändern die Welt!

Den Kinderfreunden und Roten Falken ist es ein Anliegen, Ungleichheiten auszugleichen und gleichzeitig individuelle Vielfalt zu fördern. Wir sehen uns seit vielen Jahren als Mitkämpfer/innen für die Gleichberechtigung von Frauen und die spezielle Förderung von Mädchen. Geschlechtssensible Pädagogik ist bei unseren Angeboten ein fester Bestandteil der Arbeit und wird sowohl implizit umgesetzt als auch explizit zum Thema gemacht. Genderarbeit findet bei uns schon im Kindergarten statt, wo Kinder oft schon früh mit transportierten Rollenbildern umgehen lernen. Auch auf unseren Camps werden die Rollenbilder hinterfragt und zum Thema gemacht.

Als der größte private Träger von Kinderbetreuungseinrichtungen tragen wir als Kinderfreunde auf einer gesellschaftspolitischen Ebene dazu bei, Beruf und Familie vereinbar zu machen. Wir sehen den Kindergarten als Bildungseinrichtung, aber gleichzeitig als Maßnahme zur besseren Vereinbarkeit. Wir fordern daher aber auch bundesweite Qualitätsrichtlinien, die es überall im Land ermöglichen, dass Frauen auch nach der Geburt ihres Kindes wieder einem Vollzeitberuf nachgehen. Wir sind außerdem Erfinder/innen des Vaterschutzmonats und große Verfechter/innen der Väterkarenz. Es ist uns ein Anliegen, dass Väter und Mütter sich partnerschaftlich und gleichberechtigt um die Erziehung und Betreuung ihrer Kinder kümmern.

Wir Kinderfreunde waren in unserer Geschichte stets Vordenkerinnen und -denker einer Bildungspolitik, die allen Kindern gleiche Chancen ermöglicht. Bereits in den 1930er Jahren erhoben wir die Forderung nach einer gemeinsamen Schule für alle Kinder. Dass diese Forderung noch immer nicht umgesetzt wurde zeigt, wie sehr es eine Lobby braucht für eine Schule, die Kinder im Mittelpunkt hat und ohne Unterschiede fördert und fordert.

Ein gleichheitsbasierter Zugang zum Umgang mit Kindern bedeutet, sie als Subjekte auf Augenhöhe zu verstehen. Dieses Verständnis ist weitreichend. Es bedeutet nämlich, dass Kinder und Jugendliche bei uns nicht nur mitmachen, sondern auch mitreden dürfen. Sie sind Partner/innen in unserer Arbeit und Expert/innen für ihre Lebensbereiche. Diesen Zugang versuchen wir bei den Kinderfreunden und Roten Falken konsequent zu leben, auch wenn das oft nicht die bequemste Lösung ist und mit viel Arbeit verbunden ist. In der tagtäglichen Arbeit sehen wir jedoch, dass es sich lohnt, dass Kinder und Jugendliche, die mitreden dürfen und ernst genommen werden, in ihrem Selbstwert gestärkt werden und sich positiver entwickeln als Kinder, die ihr Leben lang wie Objekte oder Eigentum behandelt werden. Das ist jedoch nicht der einzige Effekt, denn auch wenn es viele nicht glauben: Die Meinung von Kindern und Jugendlichen ist gleich wertvoll wie jene von Erwachsenen und führt auch bei den Projekten, bei denen sie eingeholt wird, am Ende zu besseren Ergebnissen.

Wir Kinderfreunde und Roten Falken gehören außerdem zu den Pionier/innen der Kinderrechte-Bewegung in Österreich. Gleich nach dem Beschluss der UN-Konvention im Jahr 1989 forderten wir eine Umsetzung und Gesetzwerdung in Österreich. Seither ist viel passiert, aber noch nicht genug. Wir stehen für absolute Gleichheit aller Kinder vor dem Gesetz und fordern daher alle Kinderrechte für alle Kinder auf der ganzen Welt. Das Thema Kinderrechte wird auch explizit in der Arbeit mit den Kindern behandelt, weil es einer der Grundpfeiler des Rechtssystems ist, dass die einzelnen Subjekte über ihre Rechte Bescheid wissen. Wir zeigen Kindern, was ihre Rechte sind und helfen ihnen dabei, zu ihrem Recht zu kommen. Denn diese Konvention ist die Grundlage für annähernde Gleichheit an Würde und Rechten auf der ganzen Welt. Und das ist ein guter Start für die Welt, für die wir kämpfen.

[1] http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/gender-statistik/index.html

[2] http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/gender-statistik/vereinbarkeit_von_beruf_und_familie/index.html

[3] ebenda

[4] http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/gender-statistik/armutsgefaehrdung/index.html

[5] Informationen und Hintergrundwissen zum Thema gibt es bei der Initiative „pinkstinks“ – www.pinkstinks.de


Einigen hilft alle Welt, doch den meisten fehlt das Geld


"Armer Mann und reicher Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: "Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich!“ – Bertolt Brecht

Es liegt in der Natur unserer Organisation, dass ein großer Teil unserer Mitglieder, Funktionär/innen und Mitarbeiter/innen Eltern sind. Im Laufe eines Lebens als Elternteil kommt man unweigerlich an den Punkt, an dem man sich fragt, was man sich für sein Kind wünscht. In den meisten Fällen sind die Dinge relativ ähnlich: Gesundheit, Glück, Erfolg, Liebe – kurz: ein lebenswertes Leben. Obwohl eine überwältigende Mehrheit genau diese Wünsche für ihre Kinder hat, können die meisten Kinder von einem solchen Leben nur träumen. Denn unabhängig von ihrem Talent, ihren Ideen und ihren Fähigkeiten haben sie schon ab Beginn ihres Lebens weniger Chancen als andere auf ein glückliches Leben und gesellschaftlich anerkannten Erfolg. Das finden wir als Kinderfreunde ungerecht. Wir wünschen uns nämlich das, was sich Eltern für ihre Kinder wünschen, für alle Kinder. Egal, wie arm oder reich ihre Eltern sind, egal wo sie geboren wurden und welche Sprache sie sprechen. Das würde bedeuten, dass jeder Mensch gleiche Möglichkeiten hätte, doch so simpel und banal das klingen mag, unsere Gesellschaft ist weit davon entfernt.

Was ist Gerechtigkeit?

Wir glauben nicht daran, dass es so etwas wie “objektive Gerechtigkeit” gibt. Kein Super-Guru sagt uns, welche Maßstäbe anzulegen sind. Keine Gottheit sorgt für Gerechtigkeit in der Welt. Die Antworten auf die Frage, ob etwas gerecht ist oder nicht, werden von Menschen gegeben. Regeln, die Gerechtigkeit ermöglichen sollen, werden von Menschen gemacht.

Man könnte argumentieren, dass Gesetze für die Durchsetzung von Gerechtigkeit sorgen, die Geschichte lehrt jedoch, dass zum Einen auch ein hochentwickeltes Rechtssystem nicht immer für Gerechtigkeit sorgt, zum Anderen große Ungerechtigkeiten wie wirtschaftliche Ausbeutung vom Gesetz nur wenig berührt werden. Außerdem: Ist es schon gerecht, wenn alle die gleichen formalen Rechte haben? Reicht es, wenn alle das gleiche dürfen und vor die gleichen Herausforderungen gestellt werden? Ein Fisch, ein Affe und ein Elefant werden es - vor die gleiche Aufgabe gestellt, auf einen Baum zu klettern - wohl unterschiedlich schwer haben. Es ist daher notwendig, den Gerechtigkeitsbegriff mit einem politischen Verständnis von Recht und Unrecht aufzuladen. In einer Demokratie so wie wir sie verstehen reicht es nicht, wenn alle formal die gleichen Rechte haben. Es muss daran gearbeitet werden, dass alle auch real die gleichen Möglichkeiten haben. Das betrifft Fragen des wirtschaftlichen Wohlergehens von lohnabhängigen Menschen und ihren Familien genauso wie Bildungszugänge und die Einbindung aller Menschen in gesellschaftliche und demokratische Prozesse. Unser Verständnis von Gerechtigkeit beinhaltet gerechte Chancenverteilung für Kinder, gerechte Verteilung von Vermögen, sowie allgemeine Teilhabe und Zugang zu allen zugesicherten Menschen- und Kinderrechten. Dafür braucht es nicht nur gleiche Rechte. Es ist notwendig, Menschen aktiv so zu unterstützen, dass sie auch die gleichen Möglichkeiten haben wie andere.

Wie ist eine Welt der Gerechtigkeit?

Die Kinderfreunde setzen sich für eine Welt ein, in der…

…die Talente und Interessen von Kindern über ihren Lebensweg entscheiden und nicht ihre geographische oder soziale Herkunft.

…das Bildungssystem dazu da ist, die Köpfe von Kindern zu “öffnen” und sie zu emanzipieren, statt sie auszusortieren und ausschließlich für den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

…alle Menschen Zugang zu gesellschaftlichen Vorgängen und Mitsprache bei Entscheidungen haben, die sie betreffen. Das betrifft Bereiche wie Politik, Verwaltung, Schule, Arbeitsplatz und viele mehr.

…lohnabhängige Menschen in gerechter Weise am Wachstum und Erfolg beteiligt werden, der durch ihren Arbeitseinsatz erzielt wird und so die Anhäufung von Vermögen bei einigen wenigen verhindert wird.

…Steuereinnahmen von Staaten dazu eingesetzt werden, ungerechte Verteilung auszubessern bzw. Zugänge zu ermöglichen.

…kein Mensch Hunger leiden muss und Reichtum auch auf globaler Ebene gerecht verteilt ist.

Wie ist die Welt in der wir leben?

Allein in Österreich leben 78.000 Millionär/innen, gleichzeitig sind über 1.200.000 Menschen armutsgefährdet.[1] Es ist schwer zu glauben, dass eine solche Ungleichheit aus einer fairen und gerechten Verteilung entstanden ist. Wenn man sich die reichsten der Reichen genauer anschaut, wird es noch deutlicher: Von den acht reichsten Österreicher/innen sind die Hälfte Erben. Allein diese vier Personen haben einen Gesamtbesitz von über 50 Milliarden (!) Euro. Diese Menschen kamen also dadurch zu ihrem Besitz, indem sie von den richtigen Eltern geboren wurden. Sie haben alle Chancen, alle Möglichkeiten und können sich so entfalten, wie sie es wollen. Genau das gleiche wünschen wir Kinderfreunde uns für die restlichen sieben Milliarden Menschen auf der Welt, die können davon nämlich nur träumen, egal wie fleißig sie sind. Für ein Kind aus einer Arbeiter/innenfamilie in Österreich ist die Chance auf einen Universitätsabschluss achtmal niedriger als für Kinder einer Akademiker/innenfamilie. Niedrigerer Bildungsabschluss führt zu niedrigerem Einkommen und zu einer nächsten Generation, die vor genau dem gleichen Problem steht. Kurz: Armut wird vererbt, genau wie Reichtum.

Diese ungerechte Verteilung in Österreich ist ein großes Problem. Wir dürfen jedoch nicht die Augen vor der globalen Perspektive verschließen, auch wenn es schwer fällt. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren auf diesem Planeten, 800 Millionen Menschen leiden an chronischem Hunger.[2] Jean Ziegler trifft mit seinen Ausführungen den Nagel auf den Kopf, denn er sagt „Wir lassen sie verhungern“. Diese unvorstellbare Zahl schmerzt beim Lesen, doch trotzdem haben wir uns irgendwie daran gewöhnt und gelernt es auszublenden. Hätten wir es nicht, wir könnten keine Sekunde darüber diskutieren, wie wichtig Bildungskarrieren, Medienkompetenz oder Zweisprachigkeit für unsere Kinder sind, während ein paar tausend Kilometer südlich von uns Kinder wie die Fliegen sterben. Es ist ein Schutzmechanismus, denn ganz tief in uns drin wissen auch wir, wer denn in diesem Spiel, in dem es so viele Verlierer/innen gibt, die Gewinner/innen sind. Es muss große politische Lösungen für die humanitäre Katastrophe geben, die unser kapitalistischer Lebensstil verursacht. Jedoch führt diese massive Ungerechtigkeit dazu, dass wir uns macht-, chancen- und wehrlos fühlen.

Gerechtigkeit fällt nicht vom Himmel und sie ist auch kein Zustand, der eintritt, wenn die Rahmenbedingungen dafür geschaffen würden. Es ist ein stetiger Kampf, den die Gesellschaft führen muss, um Gerechtigkeit zu erzielen, zu behalten und auszubauen. Der Grund dafür ist, dass die wachsende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft nicht zufällig passiert. Es ist kein „Systemfehler“, dass Verteilung so passiert, es ist die Basis des Systems. Die neoliberale, turbokapitalistische Weltordnung lebt von Ausbeutung, Ungleichbehandlung und ungerechter Verteilung und führt zur Verschärfung sozialer Unterschiede. Die Schere zwischen arm und reich geht nicht durch die Schwerkraft auseinander, sondern weil sie jemand öffnet. Diese Leute haben sich bequem eingerichtet. Sie beeinflussen Gesetze, Normen und ein Gesellschaftsbild, das uns jeden Tag zeigt, wie  aussichtslos ein Kampf gegen dieses System ist, das scheinbar unveränderbar wie ein Naturgesetz ist. Dagegen haben wir keine Chance. Doch die müssen wir nützen.

Wir verändern die Welt!

Wer die großen Missstände und Ungerechtigkeiten dieser Welt im Blick hat, möchte glauben, dass er oder sie alleine nichts ändern kann. Eine Welt, die im Großen aus dem Ruder läuft, führt deshalb auch im Kleinen zu Ratlosigkeit, Apathie oder Zynismus. Doch jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt. Jede/r kann etwas tun.

So beginnt auch Gerechtigkeit im Kleinen. Die meisten Kinder haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn: Sie verachten unfaires Verhalten, suchen Hilfe, wenn sie Probleme haben und helfen zusammen, wenn sie vor Herausforderungen stehen. Doch irgendwann im Leben eines Kindes kommen dann zum ersten Mal die „Ist-Halt-Sos“ und „Muss-So-Seins“, die ihnen klarmachen, dass sie ihren Gerechtigkeitssinn hintan stellen sollten, weil die Welt nicht so funktioniert. Weil am Ende eben doch meist jene gewinnen, die am unfairsten spielen. Das wird ihnen so lange erzählt und vorgelebt, bis sie es akzeptieren, aufnehmen und am Ende zu Erwachsenen werden, die das Spiel genauso weiterspielen. Diesen Kreis wollen wir durchbrechen. Dort wo Kinderfreunde pädagogisch arbeiten, wird Gerechtigkeit gelebt. Da steht Kooperation vor Konkurrenz, da werden Spiele gespielt, in den es nicht darum geht, die anderen mit allen Mitteln zu übertrumpfen. Gleichzeitig steht neben der pädagogischen Praxis auch der gesellschaftspolitische Auftrag: Bei den Kinderfreunden sind alle Kinder willkommen, unabhängig von sozialer Herkunft. So kommen Kinder in den Genuss von Angeboten, die ihnen aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten anders nie offen gestanden wären.

Im Rahmen der Arbeit der Kinderfreunde und Roten Falken wird auch das Thema Konsum explizit mit Kindern behandelt. Neben der Schaffung von konsumfreien Räumen erleben Kinder bei den Angeboten der Kinderfreunde und Roten Falken, dass Werte wie Freundschaft oder Solidarität erfüllender sind als das Streben nach Reichtum und Macht. Das Zusammenleben von Kindern unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe ist eine Erfahrung, die größeres Verständnis für Gesellschaftsstrukturen fördert. So erleben Kinder, dass der Mensch mehr zählt, als seine Herkunft oder die Geldbörse der Eltern. All das führt dazu, dass Kinder, die Angebote der Kinderfreunde und Roten Falken in Anspruch nehmen, ihren Gerechtigkeitssinn nicht verlieren. Denn für eine neue Welt braucht es Menschen, die nicht nur mit den Schultern zucken, wenn Ungerechtigkeit geschieht, sondern aktiv für mehr Gerechtigkeit sorgen wollen. In letzter Konsequenz bedeutet das natürlich auch, das aktuell herrschende System in Frage zu stellen und über Alternativen nachzudenken. Dazu müssen sie lernen, Ungerechtigkeit zu erkennen, die Gründe dafür zu analysieren und einen Weg zu finden, sie zu beseitigen. Das wollen wir ihnen vorleben, mitgeben und gemeinsam mit ihnen dafür eintreten, dass die Welt ein gerechterer Ort wird.

[1] http://jahoda-bauer-institut.at/ohne-armut-kein-reichtum/

[2] http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik


Fünf Finger sind eine Faust


Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen, wie die Fische zu schwimmen; doch wir haben die einfache Kunst verlernt, wie Brüder und Schwestern zu leben. – Martin Luther King jr.

Egal ob Eltern, Lehrer/innen oder anders pädagogisch Tätige – alle versuchen Kindern und Jugendlichen gewisse Werte auf ihren Weg mitzugeben Dazu gehört zum Beispiel, anderen zu helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auf etwas zu verzichten, um es mit anderen teilen zu können. Nicht wegschauen, wenn jemand Hilfe braucht. Oder gemeinsam für die Schwächsten einzutreten. All das sind Verhaltensweisen, die man im Volksmund als „Anstand“ bezeichnen würde, gleichzeitig bezeichnen sie im Kleinen, was man im Großen solidarisches Handeln nennt. Während viele Eltern bei Kindern darauf achten, dass sie ein gewisses Maß an solchem Anstand zeigen, gilt dieser in der Welt der Erwachsenen nur noch sehr theoretisch. Wer anderen hilft, ist ein „Gutmensch“, wer teilt, lässt sich ausnützen und wer für die Schwächsten eintritt, ist naiv.

Wir leben in einer Welt,  in der es im großen Rahmen unvorstellbar geworden ist, auf etwas zu verzichten, den eigenen Vorteil nicht vor das Wohl anderer zu stellen und nicht überall das Maximum herausholen zu wollen. Wir Kinderfreunde kennen es nur zu gut: Wenn wir fremden Leuten erzählen, dass wir unsere Freizeit, unseren Urlaub, unsere Energie viele Jahre dafür aufwenden, um ehrenamtlich mit Kindern zu arbeiten, ernten wir sehr oft nur Unverständnis. Etwas zu tun, ohne dafür materiell belohnt zu werden – das ist für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Doch warum gilt das, was wir Kindern beibringen wollen, nicht für alle Erwachsenen? Warum ist es legitim, als Konzernchef/in gierig zu sein und dafür auch noch belohnt zu werden? Warum sind Apathie und Zynismus näher am Normalzustand der Gesellschaft als solidarische Akte wie Hilfsbereitschaft, Idealismus und Engagement?  Wir Kinderfreunde wissen: Um die Welt zu verändern, muss man selber auch Schritte setzen, und die kann man nur mit anderen tun. Wer sich mit anderen und für andere einsetzt, merkt schnell, dass Solidarität vielleicht nicht reich, aber glücklich macht - und anderen hilft. Wer unsolidarisch ist, handelt egoistisch. Und wer egoistisch ist, darf sich vielleicht manchmal als “Sieger” fühlen, nur ist er oder sie in letzter Konsequenz einsam. Aber warum wissen wir Kinderfreunde das, während es so vielen anderen nicht bewusst ist?

Solidarität ist ein Schlüssel für das Verständnis der Frage, was uns als Kinderfreunde oder als fortschrittliche, sozialdemokratische Bewegung insgesamt ausmacht. Daher gilt es, diesen Wert zu kultivieren und nach außen zu tragen. Das tun wir tagtäglich, als Kinderfreund/innen, als Pädagog/innen, als Menschen.

Was ist Solidarität?

Solidarität ist sicher der mit Abstand am häufigsten verwendete Begriff im sozialdemokratischen Umfeld und wohl DER vereinende Wert unserer gesamten Bewegung. Doch was bedeutet es eigentlich genau, solidarisch zu sein? Reicht es schon, sich solidarisch zu erklären, indem man auf einen „Gefällt mir“-Button klickt oder Petitionen unterschreibt? Bei kaum einem anderen Wert ist der Weg von der theoretischen Willensbekundung zur aktiven Handlungsanleitung so weit wie bei der Solidarität, denn solidarisches Handeln widerspricht der Maxime der heutigen Zeit zu 100 Prozent. Es ist die Antwort auf die „Geiz ist geil“-Mentalität.

Kurz gesagt: Wir Kinderfreunde verstehen unter Solidarität, dass Menschen gemeinsam etwas schaffen, das allen etwas bringt. Es ist unmöglich, alleine solidarisch zu leben – Solidarität gibt es nur, wenn gemeinsam agiert wird. Wenn dieses gemeinsame Handeln nicht im Interesse eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe geschieht, sondern das Wohl einer Gemeinschaft im Blick hat, ist Solidarität spürbar. Eine Solidarität, die mehr ist als Nächstenliebe. Es geht uns nicht darum, “Gutes zu tun” und dafür von einem höheren Wesen belohnt zu werden. Solidarität hilft konkreten Menschen, und der Zweck dieses Unterfangens ist es, dass es der Gesellschaft als Ganzes besser geht und nicht nur einem Teil. Gleichzeitig hat jede und jeder Einzelne etwas davon: Menschen sind glücklicher und zufriedener, wenn sie nicht als Ich-AG’s in einer Ellenbogengesellschaft, sondern in einer solidarischen Gesellschaft leben.

Wie ist eine Welt der Solidarität?

Wir Kinderfreunde treten für eine Welt ein, in der…

…Zusammenarbeit wichtiger ist als Konkurrenz. Wir sind uns zum Beispiel sicher, dass Schülerinnen und Schüler mehr lernen und von der Welt verstehen würden, wenn sie zusammenarbeiten dürften, statt ganz auf sich allein gestellt, stumm und ohne Blick zum/r Nachbar/in. Eine Welt der Kooperation hätte zudem weniger Verlierer/innen als eine Welt des Wettbewerbs.

…über Ländergrenzen hinweg für die Schwächsten gekämpft wird. Soziale Probleme müssen in allen Winkeln dieser Welt gelöst werden und müssen uns gleich wichtig sein, egal ob sie nun vor unserer Haustür passieren oder am anderen Ende der Welt.

…der Einsatz ohne Gegenleistung nicht als seltsame Marotte angesehen wird. Es muss das normalste auf der Welt sein, gemeinsam für die Gemeinschaft einzutreten und auch Zeit und Energie in diese Arbeit zu investieren.

… in der ehrenamtliches Engagement entsprechend gefördert und geschätzt wird.

…unsolidarisches, anti-soziales und egoistisches Verhalten von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Das Gegenteil ist momentan der Fall: Wer besonders erfolgreich ist, bei dem ist es egal, wie er/sie es wurde. Der Zweck heiligt jetzt die Mittel, wir Kinderfreunde stehen für eine andere Welt.

...das Bekenntnis zu einem Staat als Solidargemeinschaft gelebt wird und sich in der Ausgestaltung eines starken und allen gleichermaßen zur Verfügung stehenden Sozialsystems äußert, das niemanden zurücklässt.

…Gemeinschaftserlebnisse für Kinder und Erwachsene auf der Tagesordnung stehen. Es ist die Grundlage für ein glückliches und erfülltes Leben, solidarisches Handeln zu erleben und Teil einer Gruppe zu sein.

Wie ist die Welt in der wir leben?

Die traurige Wahrheit ist: Die Welt wie sie ist, ist nicht von Solidarität geprägt. Die Art, wie Menschen auf diesem Planeten zusammenleben, basiert auf dem krassen Gegenteil. Das turbokapitalistische Weltwirtschaftssystem ist eines, das Verliererinnen und Verlierer braucht, um andere zu Siegerinnen und Siegern werden zu lassen. Der Profit, um den sich ja so vieles dreht, entsteht in aller Regel auf dem Rücken anderer. Und unsere Gesellschaft ist erstaunlich erfindungsreich dabei, die Augen vor dem Leid anderer zu verschließen, wenn es der eigene Vorteil will.

So ist es unsolidarisch, wenn die Europäische Union mit viel Aufwand ihren Wohlstand vor anderen schützt, auch wenn das ein aktives Wegschauen vor dem Leid von Flüchtlingen bedeutet. Allein im Jahr 2014 mussten über 2.500 Menschen an der EU-Außengrenze ertrinken.[1] Das Elend in ihrem eigenen Land war so groß, dass sie dieses Risiko in Kauf nahmen und sich auf untauglichen Booten über das Mittelmeer schleppen ließen. Eine solidarische Antwort auf hilfesuchende Flüchtlinge sieht anders aus als sie entweder im Mittelmeer ertrinken zu lassen oder – wenn sie diese Reise überstehen – im Stil der rechten Hetzer unter den Generalverdacht der kriminellen Asylbetrüger zu stellen.

Unsolidarisch sind Unternehmen, die ihre Profite dadurch erhöhen, dass sie alle Risiken, die sie haben, auf die Gemeinschaft abwälzen. Zum Beispiel Kraftwerkbetreiber, deren Gewinne ins Unermessliche steigen, während die von ihnen verursachten Schäden an der Umwelt von uns allen getragen werden.

Auch unsere eigene „Geiz-ist-Geil“-Mentalität ist unsolidarisch, wenn wir auf der Suche nach einem Schnäppchen nicht darüber nachdenken, ob wir die so billige Hose auch wirklich brauchen und vor allem, dass der/die Arbeiter/in, der/die die Hose herstellt nur 0,6% vom Verkaufspreis dafür bekommt und dafür unter schrecklichen Bedingungen daran arbeiten muss.[2]

Eine Welt der Solidarität sieht anders aus. Eine Gesellschaft, die auf Solidarität beruht, hat das gemeinsame Wohl zur Maxime und nicht den individuellen Vorteil. Sehr viele Menschen leben in so einer solidarischen Gemeinschaft - in ihren Familien, oder unter ihren Freundinnen und Freunden. Niemand käme  dort auf die Idee, andere zu schädigen, um selbst besser auszusteigen. Es ist ein weiter Weg dazu, das auf die ganze Welt umzulegen.

 

Wir verändern die Welt!

Eine Welt der Solidarität ist nicht von heute auf morgen zu erreichen, das ist in jedem Bereich so. Doch gerade deshalb ist es so wichtig, Solidarität jeden Tag auf ein Neues vorzuleben und zu vermitteln, was solidarisches Handeln ist. Wie schon erwähnt, wird Kindern ein solches Handeln als “Anstand” vermittelt, und auch unsere Familien funktionieren gut als Orte, an denen Solidarität in der Praxis erlebt werden kann. Wenn es jedoch um die Umsetzung von solidarischem Handeln auf die Gesellschaft und ihre Zusammenhänge geht, gibt es oft Übersetzungs-schwierigkeiten. Die pädagogische Arbeit der Kinderfreunde und Roten Falken ist hier ein unschätzbares Gut, weil Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten sozialen und gesellschaftlichen Hintergründen solidarisches Handeln vorgelebt bekommen. Weil auch jene, die bisher von der Gesellschaft immer als Verlierer/innen zurückgelassen würden erleben dürfen, dass es anders geht. Weil jene, für die immer nur das Gewinnen gezählt hat, lernen sich am Spiel mit anderen zu erfreuen, auch wenn es keine/n Sieger/in gibt. All das bieten wir als Kinderfreunde und Rote Falken tagtäglich in der pädagogischen Arbeit und pflanzen so die Samen für eine solidarische Gesellschaft von morgen. Als Kinderfreund/innen verstehen wir uns auch als Vorbilder und somit als Botschafter/innen der Solidarität. Werte wie dieser können nur durch eigenes Vorleben glaubhaft weitergegeben werden und das tun wir, indem wir als Mitarbeiter/innen selbst zu jeder Zeit solidarisch handeln.

Gleichzeitig sind wir als Organisation auch Akteur/in auf dem gesellschaftlichen Parkett und versuchen auch hier, solidarisch zu handeln: Vor allem dann, wenn die Schwächsten der Schwachen betroffen sind, versuchen wir als Kinderfreunde und Roten Falken vorbildlich zu handeln und Solidarität nicht nur auf die Fahnen zu schreiben, sondern auch in unseren Handlungen sichtbar zu machen. Spenden- und Hilfsaktionen für die ärmsten Regionen der Welt sind hier nur ein kleiner Teil unserer solidarischen Arbeit. Im Rahmen der internationalen Dachorganisation IFM-SEI arbeiten die Kinderfreunde und Roten Falken gemeinsam mit den Organisationen vor Ort zusammen, statt nur Almosen zu verteilen. Auf einer internationalen Ebene solidarisch zu agieren ist harte Arbeit, die Zeit, Energie und Geld kostet. Doch das Gegenteil von Solidarität sind Apathie, Zynismus und Einsamkeit – und das ist für uns keine Option.

[1] http://diepresse.com/home/panorama/welt/3878587/Fluchtlingswelle_Wie-das-Mittelmeer-zur-Todeszone-wurde

[2] http://www.fairwear.org/ul/cms/fck-uploaded/documents/policydocs/ClimbingtheLadderReport.pdf


ICH + DU = WIR!


Machen wir für den Einstieg ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns eine Schulklasse vor, die aus einer völlig homogenen Schülergruppe besteht. Ihre Interessen und Neigungen, Stärken und Schwächen sind also völlig identisch. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass das für die LehrerInnen ganz toll wäre – sie müssten sich nicht überlegen, wie sie mit den Unterschiedlichkeiten von Schülern und Schülerinnen umgehen. Denn die würde es ja nicht geben. Um den Gedanken weiterzuspinnen könnten wir ja auch annehmen, dass diese Kinder besondere Begabungen in Mathematik haben könnten. Dafür könnten sie in Sprachen ziemlich untalentiert sein. Im Sport wären sie lausig und in Musik wären sie vielleicht wiederum begabt.

Das Zusammensein und das Voneinanderlernen in der Klasse wäre in Wirklichkeit eine sehr eindimensionale Angelegenheit. In jenen Gebieten, die alle interessieren würden sich die Schüler/innen gegenseitig unterstützen und motivieren. In den anderen Gegenständen würden sie sich gegenseitig blockieren und demoralisieren. Letztendlich würden in derartigen Klassengemeinschaften die Schüler und Schülerinnen zu sehr einseitigen Spezialist/innen heranwachsen.

Wir als Kinderfreunde haben derartige Einseitigkeiten in der Bildung und Erziehung immer abgelehnt. Kinder und Jugendliche sollen sich vielseitig interessieren und entwickeln, sollen so zu starken Individuen heranwachsen. Notwendig dafür ist Vielfalt in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen, denn nur diese gewährleistet die unterschiedlichen Impulse und Anregungen, die gebraucht werden. Um bei der Überlegung von oben fortzusetzen: In Klassen mit sehr unterschiedlichen Schülern und Schülerinnen, die sich in ihrer Verschiedenartigkeit gegenseitig unterstützen und herausfordern ist es möglich die Einzigartigkeit von jedem und jeder bestmöglich zu fördern. Wieder ganz konkret ein Beispiel: Jene die hervorragende Leistungen in Mathematik erbringen sind vielleicht in Deutsch nicht gut. Sie können aber noch besser in Mathematik werden, wenn sie jene fördern und unterstützen, die schlecht in Mathe sind. Möglicherweise sind die wiederum gut in Deutsch und können den guten Mathematikern bei den Aufsätzen helfen. Das ist unser Bild von Inklusion: Jede/r bringt seine/ihre Stärken in die Gemeinschaft ein, ohne dass sich jemand an die anderen anpassen oder angleichen muss. Wenn jemand Schwächen hat, wird ihm/ihr geholfen, wenn er/sie Stärken hat, hilft er/sie damit jemandem anderen. Hier unterscheiden wir uns von den Integrationsideen derer, die eine Anpassung oder Assimilierung fordern, gestützt auf die dogmatische Annahme, dass die „österreichische Kultur“ eine besonders erhaltenswerte und anderen Kulturen überlegene sei.

Damit ist aber deutlich, dass Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit in Gemeinschaften kein Problem, sondern Voraussetzung für eine gute und demokratische Gemeinschaft sind. Das gilt nicht nur für Schulklassen, sondern für die gesamte Gesellschaft!

 

Was ist „Vielfalt“?

Wenn wir von „Vielfalt“ reden, dann bedeutet das für uns, dass es Unterschiede gibt, aber wir meinen damit keine Bewertung mit den Kriterien „besser“ und „schlechter“. Eine vielfältige Gemeinschaft lebt davon, dass es Unterschiedlichkeiten gibt, aber es heißt eben nicht, dass die einen Mitglieder der Gemeinschaft mehr wert sind, als die anderen Mitglieder dieser Gemeinschaft.

Für uns als Organisation bedeutet Beschäftigung mit Vielfalt klarerweise auch Beschäftigung mit der eigenen Vielfalt. Wenn wir analysieren, dass die Gesellschaft vielfältig ist, die Strukturen der Kinderfreunden jedoch nicht, dann ist das eine Schwäche, die wir als Organisation haben. Es ist daher unser Ziel, Vertreter/innen verschiedenster Bevölkerungsgruppen auch in unseren ehrenamtlichen und hauptamtlichen Strukturen einzubinden. Hier reicht es nicht, „für alle offen“ zu sein, es muss eine aktive Anstrengung von uns ausgehen um auf Menschen zuzugehen, die unterschiedliche soziale, kulturelle oder körperliche Lebenshintergründe haben und diese in unsere Arbeit einzubinden.

Zum Beispiel bezieht sich das auf folgende Vielfältigkeiten:

  • Männer und Frauen sind in vielerlei Hinsicht gleich, in manchen Bereichen sind sie auch verschieden. Männer und Frauen müssen daher gleichberechtigt miteinander leben, lernen und arbeiten, ihre mögliche „Ungleichheit“ darf keine Benachteiligung oder Entwicklungsbegrenzung bedeuten.
  • Kinder haben andere Bedürfnisse als Jugendliche und diese wiederum brauchen andere Dinge und Verhältnisse als Erwachsene. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Augenhöhe miteinander umgehen – Bevormundung und Ausgrenzung dürfen keinen Platz im Zusammenleben haben.
  • Es gibt unterschiedliche Formen der Sexualität bei den Menschen. Jahrhundertelang behauptete vor allem die Kirche, dass nur die „klassische“ Mann-Frau-Beziehung normal und erlaubt sei. Und auch diese Form der Sexualität wiederum nur in der Ehe. Heute ist Vielfalt in der sexuellen Orientierung für uns selbstverständlich, solange die Partner gleichberechtigt und gleichwertig sind.
  • Wir erleben seit Jahrzehnten, dass in Österreich eine wachsende Zahl der Einwohner/innen aus unterschiedlichen Ländern und Kontinenten zugewandert sind. Damit gibt es im Land Einwohner/innen, deren ethnischer, religiöser oder sprachlicher Hintergrund anders ist. Diese Neu-Österreicher und Neu–Österreicherinnen sind Teil der Vielfalt im Land.
  • Menschen mit Behinderungen sind längst in unsere Gesellschaft weitreichend inkludiert. Überall in der pädagogischen Arbeit sehen wir, wie bereichernd die Teilhabe von Kindern mit Behinderungen in Gruppen ist. In unserer eigenen Ehrenamtsstruktur sind Menschen mit Behinderungen jedoch nicht ausreichend vertreten, hier müssen Anstrengungen unternommen werden, um diese Gruppe aktiv in das Geschehen einzubinden.

Derzeit ist bei uns sicher die Frage der Vielfältigkeit ethnischer und der nationalen Herkunft das komplizierteste Thema. Kompliziert ist es aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel ist es relativ neu. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten gab es bei uns in Österreich diese Form der Vielfalt anscheinend kaum. Besonders in den städtischen Ballungsräumen ist es aber – insbesondere in Schulen – jetzt allgegenwärtig. Schauen wir uns diese Frage aber in der Geschichte an, dann wird schnell deutlich, dass vor gut hundert Jahren im Österreich der Habsburger-Monarchie sehr viele Männer, Frauen und Kinder aus den tschechischen, kroatischen, ungarischen, polnischen usw. Teilen des Kaiserreichs ins deutschsprachige Österreich gekommen sind. Genau diese Vielfalt macht Österreich seit jeher aus. Darum gibt es bei uns viele angebliche „Urösterreicher und Urösterreicherinnen“, die Nowotny, Horak oder Kolaric heißen.

Österreich ist ein Einwanderungsland. Der Anteil der Bevölkerung, die im Ausland geboren wurden, betrug Anfang 2007 etwa 15%. Je jünger die in Österreich lebenden Menschen sind, desto höher ist dieser Anteil. Der Anteil der Schüler und Schülerinnen in Österreichs Volksschulen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, liegt im Durchschnitt bei knapp über 20%. Je nach Bundesland ist das aber sehr unterschiedlich: In Wien sind es rund 48% und in Kärnten aber nur 10,5%. Kompliziert ist dieses Thema auch, weil es oft nicht nur darum geht, miteinander lernen und leben zu lernen, sondern auch weil manche eine Wertung „richtig“ und „falsch“ damit verbinden. Vielfalt wird somit politisch bekämpft und Menschen und ihre Lebensformen werden als „schlechter“ eingestuft. Das steht aber eindeutig im Widerspruch zur Freiheit, zur Gleichheit und zur Demokratie.

Den neu zugezogenen Einwohnern Österreichs wird dann von politisch ganz rechts stehenden Politikern und Politikerinnen bzw. deren Parteien vorgeworfen, dass sie an der Arbeitslosigkeit, an geringen Löhnen,  an der steigenden Kriminalität oder an schlechten Schulerfolgen schuld seien. Schuld an diesen Entwicklungen sind aber nicht „die Ausländer“, sondern meist die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Etwa verursacht die Wirtschaftskrise oder gieriges Gewinnstreben die Arbeitslosigkeit und nicht die Arbeitskräfte aus dem Ausland. Oder am mangelnden Schulerfolg sind zu geringe finanzielle Ressourcen für den Bildungsbereich und der mangelnde Wille, entsprechend umfangreiche Förderungsmaßnahmen einzurichten, verantwortlich und nicht Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache.

Wir verändern die Welt!

Wir Kinderfreunde werden unseren Beitrag zu einem bunten Leben und einer bunten Gesellschaft liefern. Wir wollen keine Eintönigkeit, sondern die Vielfalt der Möglichkeiten und Chancen. Zum Beispiel wollen wir nicht nur, dass Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund an unseren Aktivitäten teilnehmen, sondern dass sich diese Gruppen auch aktiv einbringen und als Mitarbeiter/innen und Funktionär/innen mitentscheiden. Damit leisten wir einen Beitrag, dass diese Kinder und Familien mehr Möglichkeiten haben und wir zeigen, dass das Zusammenleben aller nicht nur den „anderen“ hilft, sondern für alle Vorteile bringt. Überall wo es Benachteiligung und Ausgrenzung gibt, wollen wir dafür eintreten, dass dies beendet und überwunden wird. Bei den Kinderfreunden steht das „WIR“ im Mittelpunkt – so heißt es bei uns auch weiterhin ICH=ICH und DU=DU, weil niemand seine Identität und Herkunft aufgeben muss, aber trotzdem ICH+DU=WIR! Und darauf sind wir stolz.


Traum vom Frieden


„Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Gewalt, sondern die Anwesenheit von Gerechtigkeit“ - Martin Luther King jr.

Man könnte meinen, alle Menschen wollen Frieden. Denn wenn man jemanden fragt, ob er oder sie für den Frieden ist, werden nur die allerwenigsten verneinen. Egal ob es dabei um Krieg zwischen Ländern, um Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen oder um psychische Gewalt im kleinen Rahmen geht - alle wollen Frieden, zumindest in ihrem eigenen Lebensbereich. Trotzdem leben wir in einer Welt voller Gewalt und Krieg. Zig Länder auf der Welt befinden sich in bewaffneten Konflikten, Millionen Menschen werden Opfer von Gewalt, ob durch Soldaten, den Staat, in der Schule oder sogar durch die eigene Familie. Besonders stark sind davon Kinder betroffen. Deshalb stellen sich besonders bei ihnen viele Fragen: Was ist Frieden überhaupt? Wie fühlt sich Frieden an, im Kleinen wie im Großen? Und warum schaffen wir es nicht, das zu verwirklichen, was doch anscheinend alle wollen?

Was ist Frieden?

Frieden ist kein Ding, das von selbst entsteht oder verschwindet. Frieden muss getan, gelebt und geschaffen werden. Von allen Nationen, einzelnen Staaten, einer Stadt oder einem Dorf. In einer Familie, in einer Schulklasse oder Gruppe. Und auch in einem selbst. Frieden ist Folge davon, wie wir Menschen miteinander umgehen, wie wir uns in Konflikten verhalten aber auch gegenüber unser Umwelt und der Natur. Frieden hat auch viel mit Verantwortung zu tun – dann, wenn wir entscheiden, wie wir mit Macht umgehen. Wenn wir entscheiden, wie wir unsere Möglichkeiten, Fähigkeiten oder (technologische) Mittel einsetzen.

Frieden bedeutet, nicht Gewalt ausgesetzt sein zu müssen. Niemand ist mehr von Gewalt betroffen als Kinder. Frieden heißt, dass niemand seine Stärke oder Macht ausnutzt, um Kindern körperlich oder seelisch weh zu tun.

Nichts ist schrecklicher als Krieg. Der damit verbundenen Angst, dem Leid und der Gewalt sind Millionen Kinder auf der Welt ausgeliefert. Frieden, das ist eine Welt, die ohne Waffen auskommt. Frieden ist aber nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist auch ein „weniger“ an Not, an Unfreiheit, an Gewalt.

Das muss nicht heißen, dass es keine Konflikte, keinen Streit geben darf. Aber die sollen prinzipiell gewaltlos und ohne Beleidigungen und Kränkungen ausgetragen werden. Das muss gelernt werden. Frieden heißt auch, sich stark machen für andere, die sich alleine nicht genug helfen können - gegen Mobbing aufzutreten oder in der Straßenbahn aufstehen, wenn jemand heruntergemacht wird.

Wie ist eine Welt des Friedens?

Die Kinderfreunde setzen sich für eine Welt ein,

…in der Konflikte und Streitigkeiten gewaltlos gelöst werden können. Die Grundlage dafür ist Respekt vor dem Mensch und seinen Rechten.

...in der es keine Waffen gibt - weder Atombomben, Panzer noch Abfangjäger. All diese Dinge  sind nur dazu da, um Krieg zu führen und Menschen zu verletzen oder zu töten.

…in der es Foren, Regeln und Orte der Diskussion gibt, um Auseinandersetzungen friedlich austragen und lösen zu können. Als Beispiel für ein solches Forum sind die Vereinten Nationen zu nennen. Doch auch die wöchentliche Schulstunde, die nur dafür reserviert ist, gemeinsam Probleme zu besprechen und an einer Lösung zu arbeiten, ist eine Möglichkeit von vielen. Streitschlichtung muss im Kleinen gelernt und im Großen gelebt werden. In letzter Konsequenz wollen die Kinderfreunde eine Welt ohne Mauern und Grenzen und eine Welt der friedlichen Verständigung zwischen den Völkern.

…in der Demokratie, Mitbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe mehr sind als leere Floskeln und alle Mitglieder der Gesellschaft einen angemessenen Zugang zu Debatten, Partizipationsprozessen und demokratischen Entscheidungsfindungen haben.

…in der Kooperation und gemeinschaftliche Konfliktlösung wertvoller sind als Konkurrenz und das Gemeinwohl vor dem Ergebnis für den/die Einzelne/n steht. Das gilt nicht nur für die „große Bühne“, sondern auch im Kleinen.

…in der Frieden sowohl global als auch innerhalb einer Gesellschaft durch soziale Gerechtigkeit erlangt wird. Spannungen entstehen durch Ungleichheit und können durch faire Verteilung von Wohlstand, Zugang zu Bildung, politischen Diskussionen und Macht verhindert werden.

…in der Österreich als neutrales Land kein Bundesheer benötigt und die bisher dafür verwendeten Ressourcen für Katastrophenschutz und in das Sozialsystem investiert werden.

…in der Kinder besonderen Schutz vor Krieg und Gewalt erfahren, sich selbst entfalten und ihr Leben selbst bestimmen können. Wenn Kinder in einem gewalt- und unterdrückungsfreien Umfeld aufwachsen, werden sie auch als Erwachsene nach eben jenen Leitlinien leben und handeln. Denn eine Welt, in der alle Menschen einander mit dem gleichen Ausmaß an Respekt begegnen, die Chancen und Machtverhältnisse gerecht verteilt sind, in der alle Menschen Möglichkeiten zur Entfaltung haben, ist eine friedliche Welt.

Wie ist die Welt in der wir leben?

Der Großteil der Menschheit will eine Welt des Friedens, die Realität zum heutigen Tag ist fast das genaue Gegenteil. Zum aktuellen Zeitpunkt herrschen auf der Welt etwa 40 – 50 bewaffnete Konflikte gleichzeitig.[1] Diese Zahl war nur Anfang der 1990er Jahre, nach dem Zerfall der Sowjetunion höher. Um ein Jahr zu finden, in dem es keinen bewaffneten Konflikt irgendwo auf der Erde gab, muss man Jahrhunderte in die Vergangenheit blicken.[2]

Warum es Krieg gibt, ist klar: Im Jahr 2012 wurden weltweit 1,33 Billionen Euro (1.330.000.000.000,- €) für Rüstung ausgegeben.[3] (Das entspricht dem 12-fachen der jährlichen österreichischen Staatsausgaben.)[4] Wo solche Summen ausgegeben werden, gibt es logischerweise auch eine andere Seite, die diese Summen einnimmt. Das sind Rüstungskonzerne, die mit derartigen Einkünften natürlich nicht daran interessiert sind, dass irgendwo auf der Welt Frieden herrscht. Wenn man genau hinsieht, wird man auch erkennen, dass es eben jene Konzerne sind, die durch Lobbying-Aktivitäten sehr starken Einfluss auf verschiedene Regierungen haben und so dafür sorgen, dass ihr Geschäft niemals endet. Von den aktuell schwelenden bis zu 50 bewaffneten Konflikten sind weltweit bis zu 20 Millionen Kinder betroffen[5], sie werden getötet, als Kindersoldaten eingesetzt oder müssen aufgrund von Krieg, Zerstörung und Angst mit oder ohne Familie flüchten.

Doch auch in Ländern ohne bewaffnete Konflikte können viele Kinder nicht in einem friedlichen Umfeld aufwachsen. Jedes Jahr gibt es in Österreich über 10.000 Anzeigen wegen Gewalt an Kindern.[6] Die Dunkelziffer in dieser Statistik liegt natürlich weitaus höher, weil nur jene Fälle erfasst werden, die auch zur Anzeige gebracht werden. Dass die sogenannte „körperliche Züchtigung“ in vielen Familien noch immer Thema ist, zeigen weitere Statistiken. 55 % der Erwachsenen in Österreich glauben, dass eine „gesunde Ohrfeige“ in Ordnung ist[7], obwohl Gewalt in der Erziehung seit 1989 verboten ist. Gewalt ist aber nicht nur auf einer körperlichen Ebene ein Problem, Kinder sind auch sehr oft Opfer von psychischer Gewalt.

Ein Thema, das viele Kinder aktuell stärker beschäftigt als je zuvor, ist die Angst. Eine Welt voller Gewalt, Terror und Krieg und Informationstechnologie, die den Schrecken in jedes Wohnzimmer bringen kann, ist nur eine Seite der Medaille. Auch in der Schule, im Elternhaus oder auf dem Schulhof erleben Kinder Angst. Sie wird als Machtinstrument eingesetzt – gegen Erwachsene wie gegen Kinder. Als Kinderfreunde stehen wir für angstfreies Aufwachsen von Kindern und für die Errichtung von Räumen, in denen sie ihre Ängste und Sorgen jemandem anvertrauen können, ohne sich vor Konsequenzen sorgen zu müssen.

Emotionale Erpressung, Angst oder Drohungen gegen Kinder sind nur ein kleiner Auszug der vielen Facetten der Gewalt. Es zeigt sich, dass für Kinder und Jugendliche im Großen wie im Kleinen körperliche wie psychische Gewalt auf der Tagesordnung steht. Im Informationszeitalter erreichen Kriege aus jedem Winkel der Welt unsere Wohn- und auch die Kinderzimmer, doch auch aus nächster Nähe machen Kinder Gewalterfahrungen. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Welt ohne Krieg, Unterdrückung und Gewalt für viele unvorstellbar ist und das Auftreten gegen Gewalt und Krieg für viele ein von vorne herein aussichtsloser Kampf zu sein scheint.

Wir verändern die Welt!

Wir Kinderfreunde möchten Werkzeuge des Friedens sein, weil wir eine Vision von einer Welt des Friedens haben. Diese Welt ist vielleicht nicht von heute auf morgen zu erreichen, doch auch den längsten und beschwerlichsten Weg kann man mit vielen kleinen Schritten bewältigen. Eines der Friedenslieder der Kinderfreunde und Roten Falken sagt „Das weiche Wasser bricht den Stein“ und so ist die Friedenspädagogik in der gesamten Organisation eine stetige Bemühung, Kindern und Jugendlichen zu zeigen wie eine Welt ohne Gewalt und Krieg aussehen kann und was das für den oder die Einzelne bedeutet. Wir arbeiten an der konkreten Umsetzung einer solchen Welt, indem wir Pazifismus und Antimilitarismus sowohl als Haltung vorleben, gleichermaßen jedoch zum Thema unserer pädagogischen Arbeit machen. Die Kinderfreunde können auf eine lange Tradition der Friedenspädagogik zurückblicken, das Aushängeschild sind dabei mit Sicherheit die großen Anti-Kriegsspielzeug-Kampagnen, die bis in die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg zurückreichen. Mit der Botschaft „Die Waffe ist kein Spielzeug“ transportieren die Kinderfreunde auch heute noch eine Wertehaltung, die zu einem grundsätzlichen Bewusstsein für den Grundwert Frieden führen soll. Die Arbeit in den Gruppierungen der Kinderfreunde und Roten Falken entzieht gewalttätigen Auseinandersetzungen den Nährboden. Spiele ohne Sieger/innen, die Förderung von positiven Gruppenerlebnissen oder die Arbeit gegen Ausgrenzung und Rassismus sind nur wenige Beispiele für Elemente der pädagogischen Grundlagenarbeit. Der Einsatz für Kinderrechte und ihre weltweite Umsetzung ist  ein langjähriger Schwerpunkt der Kinderfreunde und Roten Falken im politischen Einsatz gegen Krieg und Gewalt.

Doch auch auf der persönlichen Ebene wird konkret zum Thema Frieden gearbeitet. Zum Beispiel wenn es darum geht, sich für Schwächere einzusetzen und Zivilcourage zu zeigen. Die Grundwerte der Kinderfreunde sind ein weiterer Baustein der Friedenspädagogik. Begriffe wie Solidarität oder Freiheit sind natürliche Gegensätze zu Gewalt oder Krieg. In den Gruppierungen der Kinderfreunde steht das Gemeinsame vor dem Trennenden und es ist ein Anliegen, eine Gegenwelt mit friedlicher und solidarischer Konfliktlösung und ohne den Einfluss von Gewalt und Unterdrückung vorzuleben. Im Kosmos der Kinderfreunde erleben Kinder eine Welt der Freiheit und Gerechtigkeit und können ohne Angst vor Gewalt aufwachsen. Weil aus gewaltlos erzogenen Kindern gewaltlos handelnde Erwachsene werden, die eine Welt des Friedens verwirklichen können.

[1]lt. Prof. Dr. Günther Schlee, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung (http://www.pm-magazin.de/a/sagen-sie-mal-warum-f%C3%BChren-menschen-immer-noch-kriege)

[2]http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen

[3] http://www.tagesschau.de/ausland/siprineu100.html

[4] http://www.statistik.at/web_de/presse/070409

[5] http://www.tdh.de/was-wir-tun/arbeitsfelder/krieg-und-flucht.html

[6] http://www.unicef.at/aktiv-werden/endviolence-schluss-mit-gewalt-gegen-kinder/gewalt-in-oesterreich/

[7] „Familie – Kein Platz für Gewalt“, Gewaltbericht des BMWFJ - http://www.bmwfj.gv.at/Familie/Gewalt/Documents/gewaltbericht%202009.pdf


Hier gibt es das Wertemanifest zum Download

Druckansicht
 


Österreichische Kinderfreunde - Landesorganisation Kärnten
Anton-Falle-Straße 14 · 9580 Drobollach
04254/50034 ·

© 2015 Kinderfreunde. All rights reserved.