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Es reicht! Es ist genug!

Elterliche Überforderung ist ein höchst aktuelles Thema. Speziell Frauen stehen vor einer nie dagewesen Herausforderung: Sie sollen nicht nur kompetent in der Arbeit, umsichtig im Haushalt, liebe- und humorvoll zu den Kindern, sondern auch attraktiv in allen Lebenslagen sein. Elternbildnerinnen und Expertinnen sind sich einig: Frauen und Familien brauchen andere Zugänge. Ein Artikel aus der 1. Ausgabe der Kinderfreunde-Zeitung im Jahr 2017:

Aus dem Leben gegriffen ...

Das alltägliche Aushandeln der Strumpfhosenfarbe hat heute bloß fünf Minuten gedauert. Renate ist erleichtert, die 38-jährige Handelsangestellte wird es gemeinsam mit ihrem dreijährigen Sohn heute mal rechtzeitig in den Kindergarten und danach in die Arbeit schaffen. Jakob mampft zufrieden sein Butterbrot, während sich Renate eilig selbst anzieht, Jause richtet und Jakobs Winterjacke aus dem Kasten holt. Es ist nochmal kalt geworden, der Kleine soll sich ja nicht verkühlen. Da fällt ihr ein, den Kinderarzttermin muss sie noch vereinbaren, die nächste Impfung steht an. „Schnell Jakob, Zähne putzen!“, ruft sie im Vorbeigehen. Alles gut. Ein wenig spät ist es zwar heute schon wieder, aber noch ist alles im grünen Bereich. Ups, schnell noch die Wäsche aufhängen! Jetzt muss sich Jakob noch von den kleinen Fliesenfischen im Bad verabschieden, von jedem einzeln, es sind insgesamt 15 Stück. Renate atmet tief durch, wenn sie in drei Minuten die Haustür hinter sich schließen, erwischen sie noch den Bus. Doch dann … sieht Jakob seine Winterjacke, und es tritt ein, was Renate befürchtet hat: Jakob will die Jacke nicht anziehen.   …

Experiment in Seminar

Situationen wie diese kennt Elternbildnerin und Pädagogin Brigitte Einicher viele. Es ist an sich eine ganz einfache Aufgabe, die sie Eltern in ihren Seminaren stellt: „Beobachtet euren tagtäglichen Gesichtsausdruck. Schaut in Spiegel, spiegelt euch in Glasvitrinen, ganz egal. Überprüft eure Mimik. Ist sie konzentriert und verkniffen?“. Viele, die sich auf dieses Experiment einlassen bejahen. Speziell Frauen hätten viel zu viele Gedanken im Kopf, ist die Elternbildnerin überzeugt. Und das wirke sich auf den Gesichtsausdruck aus. Das Resultat sei, dass „das Kind dann bemerkt, dass irgendwas nicht in Ordnung ist. Es möchte sichergehen, dass mit der Mutter alles in Ordnung ist und provoziert, um Zuwendung zu bekommen. Und sei es negative“, so Brigitte Einicher, die ihr Leben lang als Pädagogin mit Kindern gearbeitet hat.

Viele Bälle in der Luft

Denken wir kurz an die Anziehkämpfe, die Renate täglich erlebt. Wer kann es ihr verdenken, dass sie verkniffen dreinschaut? Die allermeisten Mütter jonglieren mehr mühsam als spielerisch ihre Aufgaben als Hauptverantwortliche für die Kinder, Hausfrau und als Partnerin. Und ja einen Beruf, den gibt’s meist auch noch. Das alles unter einen Hut zu bringen ist schwierig und dazu kommt ein schlechtes Gewissen. Das beobachtet Lehrangsorganisatorin Barbara Haas-Trinkl schon seit längerem. „Egal was du machst, ob du stillst oder mit dem Fläschchen fütterst, ob dein Kind im Elternbett oder im eigenen schläft, da ist immer eine schwarze Wolke, die über dir schwebt, die dir alles madig macht“, weiß die Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin und Mutter von zwei Kindern.

Gib mir mehr, gib mir mehr!

Babara Haas-Trinkl weiß, dass viele Frauen ständig das Gefühl haben, dass es „nie genug“ sei. Vom selbstgebackenen Vollkorn-Jausenbrot bis zum Eltern-Kind-Turnen, vom Helfen bei der Hausübung bis hin zum top organisierten Haushalt: ein bisschen mehr gehe – aus der Sicht der anderen – immer. Befeuert durch die falsche Welt, die in Zeitschriften, in Werbung und Blogs vermittelt wird, stehen speziell Frauen vor Herausforderung, die sie nie bewältigen können. Und so kämpft jede für sich alleine dahin, um nicht unterzugehen im Strom von eigenen und fremden Erwartungen ans Leben mit Kindern.

Gemeinsam geht es leichter

Was jetzt? Wie weitermachen? Zurück in die Vergangenheit, als Mutti sich zumindest um das Fortkommen in der Arbeit keine Sorgen machen musste? Dem widerspricht Brigitte Einicher vehement. Den Männern und der Gesellschaft müsse endlich bewusst werden, dass Familie nur gemeinsam geht, und eine gleichberechtigte Arbeitsteilung möglich ist. Natürlich müssten Frauen endlich das gleiche verdienen wie Männer, denn nur so sei es egal, wer zu Hause bleibt. „Wenn Mütter und Väter an einem Strang ziehen, dann ist es zu schaffen“, so Brigitte Einicher. Im nächsten Schritt empfiehlt sie mehr Entspannung und Gelassenheit, vor allem aber „mehr gegenseitiges Lob und ehrliche Wertschätzung, auch für ‚selbstverständliche‘ Leistungen, die für das Wohl der Familie erbracht werden.“ Barbara Haas-Trinkl wünscht sich mehr Solidarität, mehr Zusammenhalt zwischen Frauen. „Wenn wir uns gegenseitig die Rücken stärken, statt uns abzuwerten und mit erhobenem Zeigefinger zu vergleichen, dann wäre viel erreicht.“ 

Vertrauen haben

Zustimmung ernten sie von Kristina Strauß-Botka, Politikwissenschafterin und Mutter einer zweijährigen Tochter. Nicht nur in Bezug auf das Gleichziehen von Männern und Frauen sondern auch, was solidarisches Verhalten und die Gelassenheit betrifft. „Ich habe ein großes Grundvertrauen in die Betreuungseinrichtungen in Österreich. Die öffentliche Krabbelstube, die mein Kind besucht bietet ihr genug an Lern- und Erfahrungsräumen, dass wir uns als Eltern beruhigt zurücklehnen können. Ich kann mit ihr dann die Dinge machen, die ich für wichtig finde, die uns gemeinsam Spaß machen, und von denen ich weiß, dass sie in der Krabbelstube nicht so geboten werden können. Wie zum Beispiel Zeit zum alleine spielen“.

Das Gute sehen

Grundsätzlich fände es Kristina Strauß-Botka schön, wenn Eltern sich noch viel mehr über bereits Erreichtes freuen würden. Die Leiterin der Familienakademie der OÖ Kinderfreunde ortet bei vielen den Fokus darauf, was noch nicht so gut funktioniert. Auch das Vergleichen mit dem, was andere schon erreicht haben, stehe auf der Tagesordnung. Das muss nicht sein, meint auch Brigitte Einicher. Die Elterbildnerin gibt den Teilnehmer/innen ihrer Seminare mit, auf den Schatz, auf die Dinge zu schauen, die gut laufen. „Versucht, das negative auszublenden, schenkt euch gegenseitig mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung, denn das sind die Dinge, die zum Glücklich sein beitragen“.

Weitere Artikel zum Thema:

"Gut ist genug!" aus "Die Zeit", 5.1.2017, Seite 27

"Das Mama-Burnout: Tipps gegen die drohende Krise" aus http://einerschreitimmer.com

"Teilzeit, Haushalt, Kinder: Willkommen in der Welt des dreifachen Ungenügens" aus StadtLandKind – Das regionale familienmagazin

Und noch was zum Schmunzeln ... :

Parodie auf ein BBC-Live Interview, in dem ein Vater von seinen zwei Kindern überrascht wurde

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