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Familienzeit: Wie sie gut gelingen kann

Job, Schule, Haushalt, Hausübung, Freizeitaktivitäten – die Palette an To Do‘s für Familien ist groß. Eltern sind täglich gefordert diesen Spagat zu meistern. Oft mit dem schlechten Gewissen, zu wenig an qualitativer Familienzeit zur Verfügung zu haben. Die Kinderfreunde Oberösterreich setzen sich verstärkt mit diesem Thema auseinander, reflektieren und formulieren daraus politische Forderungen. Doch wie viel Zeit ist nun tatsächlich genug?

Das Maß an Familienzeit hängt stark vom Alter des Kindes ab. Je jünger ein Kind ist, desto mehr Zeit braucht es auch in seiner Familie. Ein Baby ist im Normalfall 24 Stunden bei seiner Mutter oder seinem Vater. Es braucht beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit und sehr viel an quantitativer Zeit. „Ich kann ein Baby im Tragetuch bei mir haben nebenbei aber kochen oder Hausarbeiten erledigen. Das Baby spürt dennoch die wichtige körperliche Nähe“, erklärt Isabella Baumgartner, Kinder- und Jugendpsychologin aus Linz.

Von Quantität zu Qualität

Je älter die Kinder werden, desto weniger Familienzeit ist notwendig. Im Vordergrund steht dann vielmehr die Qualität der Beziehung. Doch was zeichnet diese aus? Qualitative Zeit ist etwa mit einem dreijährigen Kind am Boden zu sitzen und Lego zu spielen oder gemeinsame Rollenspiele auszuprobieren. Oder mit einem 14-jährigen Jugendlichen ein schönes 10-minütiges Gespräch während einer Autofahrt zu führen. Der Fokus liegt aktiv auf dem Kind und es läuft nicht beiläufig mit. Es ist jedoch wichtig, dass Kinder auch lernen sich alleine zu beschäftigen. „Kinder müssen nicht dauernd aktiv bespaßt werden. Das würde sie an der selbstständigen Entwicklung hindern. Sie brauchen auch Langweile, um so ihre Kreativität zu fördern“, erklärt Baumgartner.

Eltern unter Druck

Unsere Gesellschaft ist sehr leistungsorientiert. Der Förderwahn beginnt schon bei Ungeborenen.

Eltern glauben, dem Fötus bereits Musik vorspielen zu müssen, um es ideal zu fördern. Sie stehen von Beginn an immens unter Druck. Doch es ist vielmehr wichtiger, die Eltern zu sensibilisieren: Was braucht mein Kind? Wo bin ich hinderlich in meinem erzieherischen Verhalten? „Das Selbstbewusstsein der Eltern muss gestärkt werden. Ihr seid tolle Eltern, auch wenn ihr nur anwesend seid. Kinder müssen nur das Beziehungsband spüren“, so Baumgartner, selbst zweifache Mutter.

Oft reicht nur Anwesenheit

Familienzeit ist aus kinderpsychologischer Sicht nicht nur die gemeinsame aktive Zeit. Es ist auch die Zeit, wenn alle miteinander zuhause sind und doch jeder für sich ist: das Kind ist im Zimmer, die Mutter sitzt vor dem Computer, der Vater kocht. Jeder tut etwas für sich, aber bekommt mit, dass der andere da ist. Etwa durch den Geruch des frischen Mittagessens der bis zum Kinderzimmer reicht. Jedes Familienmitglied weiß, dass alle da und notfalls greifbar sind. Das schafft Bindung und Vertrauen.

Familienzeit vs. Paarzeit

Gerade in den ersten zehn Jahren des Elternseins ist es wichtig, auf die Partnerzeit zu schauen. Nur so kann man langfristig auf Paarebene gut funktionieren und zusammenspielen. „Erfahrungen aus meiner Praxis zeigen, dass sich Eltern oft zwischen dem zehnten und 15. Lebensjahr der Kinder scheiden lassen. Die Kinder werden zunehmend autonomer und die Eltern realisieren, dass neben der Kinderbetreuung keine Gemeinsamkeiten mehr übrig blieben“ sagt die Familienpsychologin. Kleine Auszeiten im Sinne einer gemeinsamen Paarzeit sind enorm wichtig.

Kleine Alltagstipps 

In jeder Familie braucht es einen gemeinsamen Treffpunkt, ein gemeinsames Essen und Familienrituale – egal wie alt die Kinder sind. Geburtstage oder Feste im Jahreskreis – für diese besonderen Tage sollte sich Zeit genommen werden. Am Wochenende gemeinsame Aktivitäten zu planen oder Freunde einzuladen fördert auch die qualitätsvolle Familienzeit. Diese Aktivitäten sollten natürlich allen Spaß machen und niemandem aufgedrängt werden. „Die Eltern müssen ihr schlechtes Gewissen, nämlich zu wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen, ablegen und darauf vertrauen, dass sich das Kind optimal entwickelt“, erklärt Baumgartner. „So lange das Basis-Lager warm ist, ist alles gut“.


 




"Familienzeit ist auch Zeit, wenn man auf sich schaut. Ich darf mich als Mama/Papa zurückziehen und in Ruhe einen Kaffee trinken, ganz ohne schlechtes Gewissen. "

Isabella Baumgartner ist Klinische Psychologin (Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie) und Gesundheitspsychologin. Sie führt eine Praxis in Linz und macht Elterncoaching. 
www.isabella-baumgartner.at

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