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Interview über Bedeutung von Elternbildung

Prof.in Dr.in phil. Sigrid Tschöpe-Scheffler ist Seminarleiterin beim Lehrgang Elternbildung, den die Familienakademie der OÖ Kinderfreunde ab November 2017 anbietet. Sie ist Sozialpädagogin, Dipl.-Pädagogin, Gestalttherapeutin, Buchautorin und emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft am Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene der Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Sie hat uns ein Interview über Elternbildung und Erziehung gegeben. 


„Erziehung ist Versuch und Irrtum“

Gibt es – wie in vielen Medien immer wieder berichtet – eine steigende Unsicherheit der Eltern in Bezug auf die Kindererziehung?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Es stimmt, es gibt da eine Verunsicherung bei den Eltern. Diese ist leicht erklärbar. Man muss sich nur mal die Veränderungen der letzten 30 Jahre anschauen: Von der Flexibilisierung über neue Technologien bis hin zu den Formen des Zusammenlebens: der einzelne Mensch hat fast keine Möglichkeit mehr, da mitzukommen. All diese Veränderungen bieten Chancen und Risiken.

Was kann Elternbildung bewirken?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Elternbildung ermöglicht mit anderen Eltern zusammenzukommen, die in ähnlichen Situationen sind. Sie hilft Eltern aus der Isolation herauszukommen, Vertrauen zu gewinnen, neue Modelle kennenzulernen. Elternbildung gibt Orientierung und die Möglichkeit, in vertrautem Rahmen über Probleme zu sprechen. Menschen finden hier Rollenvorbilder, sie können sich von anderen etwas abschauen.

Welchen Rahmen braucht es für Elternbildung?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Ich denke nicht an große Vorträge, sondern viel mehr an den informellen Austausch. Diesen zu ermöglichen ist Gebot der Stunde, der informelle Austasch wurde in den letzten Jahren viel zu stark vernachlässigt. Tür und Angel Gespräche zwischen Erzieherin und Eltern haben einen ganz hohen Stellenwert, sie ermöglichen einfache Kontaktaufnahme. Elternbildungsseminare bieten zwar auch viel Raum für Austausch, das Problem ist aber, dass sie stärker von bildungsorientierten Eltern genutzt werden. Familien, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, nutzen diese Seminare kaum. Für diese braucht es andere Formen.

Woran denken Sie da?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Ich könnte zum Beispiel Flüchtlingsfamilien einbinden und Vertrauen aufbauen mit Dingen, die diese bereits selbst gut können: mit dem gemeinsamen Kochen der traditionellen Speisen, mit Liedern aus der Heimat, dem Nähen von Kinderkleidung. Über diese Aktivitäten wird Vertrauen aufgebaut. Das Austauschen über Probleme und Herausforderungen in der Kindererziehung ist dann erst der zweite Schritt.

Welche Haltung nimmt eine Elternbildnerin/ein Elternbildner idealerweise ein?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Er oder sie geht offen, vorurteilsfrei und achtungsvoll in Kontakt mit Eltern. Es geht um eine nicht wertende Haltung bzw. einen Zugang, der die Familien einlädt. Das muss gelernt werden und ist zentral für das Modul, das ich beim Elternbildungslehrgang als Referentin bestreiten werde.

Und was ist Ihnen beim Thema Erziehung wichtig?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Erziehung ist Versuch und Irrtum, hier müssen sich Eltern erproben, es gibt keine genauen Vorgaben. Es geht darum, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, der Situation des Kindes und der kulturellen Bedingungen den eigenen Weg zu finden. Zur Orientierung gibt es aber sieben Säulen, an denen man sich messen kann. Dazu gehören Achtung, Liebe, Struktur, Kooperation, Forderung, Gemeinschaft und Spiritualität.

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