Nicht trennen

Alltag und Intensivförderung statt Deutschklassen

Jede Trennung von Schulkindern mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen beim normalen Unterricht nimmt Kindern mit Migrationshintergrund genau das, was sie am meisten brauchen: Zeit, um von deutschsprachigen Kindern – voneinander – zu lernen. Sind deshalb reine Deutschklassen sinnvoll? - Wir finden nicht!

Die Kinderfreunde Salzburg sprechen sich klar gegen reine Deutschklassen aus. „Sie trennen nicht nur die Kinder in verschiedene Leistungsgruppen auf, sondern zementieren auch den ohnehin schlechteren sozialen Status von Burschen und Mädchen mit Migrationshintergrund ein“, sagen Kinderfreunde-Landesvorsitzende Cornelia Schmidjell und Landesgeschäftsführerin Vera Schlager: „Deutschförderung ist wichtig, keine Frage. Aber sie darf keine schicksalhafte Trennung bedeuten.“

Auch bei einer nur teilweisen Ausgrenzung aus dem normalen Klassenverband in spezielle Förderklassen sind die Kinderfreundinnen und Kinderfreunde in Salzburg skeptisch. Diese Zeit wird ja trotzdem nicht gemeinsam mit den anderen Kindern verbracht – und das in sehr wesentlichen Fächern, wo die jungen Burschen und Mädchen viel voneinander lernen könnten. Studien belegen, dass bessere Schüler sogar profitieren, wenn sie anderen etwas erklären. Natürlich spielen auch die Eltern eine Rolle. Sie sollten abseits der Schule viel mit ihren Kindern lesen und sprechen. In separaten Klassen kommt es aber in jedem Fall dazu, dass Kinder mit ähnlichem Hintergrund noch viel mehr in der Muttersprache kommunizieren. Deutsch wird erst recht zur Nebensache.

Es geht darum Alltag zu schaffen, und eben keine Sonderklassen

„Aus unseren Erfahrungen mit Schulleitungen und Mentorinnen und Mentoren wissen wir: Der Schlüssel zum Spracherwerb ist sprechen, sprechen und nochmals sprechen, vor allem im Lebensalltag“, sagt Vera Schlager. Kinder, die kein deutsches Umfeld haben, müssen ein solches also zumindest in der Schule vorfinden. Oft wird fremdsprachigen Eltern von der Schule nahegelegt, die Kinder vor allem wegen des Spracherwerbs in die Nachmittagsbetreuung zu geben. „Die Sprache in Fächern wie Turnen ist mit kurzen Erklärungen und vielen Kommandos weit von unserer vielfältigen Alltagssprache entfernt“, warnt Schlager.

„Es geht darum, Kinder zusammenzubringen, nicht zu separieren. Sonst nimmt man ihnen die letzten noch verbleibenden Möglichkeiten, ihren Alltag mit der Sprache Deutsch zu erleben. Es braucht aber zusätzlich eine intensive Förderung, so viel ist klar. Sie könnte schon in einem verpflichtenden Vorschuljahr beginnen oder ergänzend zum Regelunterricht in kleinen – dadurch schnell lernenden – Gruppen geschehen“, schlägt Cornelia Schmidjell vor.

Gemeinsamen (Schul-)Alltag und intensives Fördern gleichzeitig möglich machen

Der Ansatz „Alltag und Intensivförderung“ deckt sich auch mit den Erfahrungen aus dem Kinderfreunde-Projekt Nightingale. Dort werden Kindern mit Migrationshintergrund deutschsprachige Mentorinnen und Mentoren zur Seite gestellt und gemeinsam viel unternommen. Die MentorInnen merken dabei sofort, wenn Ferien waren: „Als wir uns nach dem September wiedersahen hat sich das Deutsch meiner Mentee Israa deutlich verschlechtert“, sagt etwa Pauline Bihari-Vass. Jetzt führen beide in Teamarbeit ein Tagebuch in Deutsch – die „Fremdsprache“ wird nun sogar unter den Geschwistern gesprochen.

Vera Schlager: „Alle an Nightingale als Mentor oder Mentorin Teilnehmenden berichten, dass die Kids zuerst kurz angebunden sind und nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Erst wenn Vertrauen aufgebaut, ein gemeinsamer Alltag geschaffen wurde, kommt es zu Unterhaltungen und damit einem viel intensiveren Spracherwerb.“

Gefahr einer „Ghettoklasse im Schafspelz“

„Natürlich ist das in Schulen in dieser Form nicht möglich. Aber wir Kinderfreundinnen und Kinderfreunde stellen uns klar gegen Segregation statt Integration im Schulwesen. Es braucht keine eigenen Deutschklassen – auch nicht teilweise. Nur ein gemeinsamer Unterricht und ergänzende individuelle oder Gruppenförderung schafft Alltag, Freundschaften und letztendlich eine Gemeinschaft statt bessere und schlechtere ´wir und die anderen-Gruppen´. Wenn nur in Musik, Turnen und Werken zusammen unterrichtet wird, dann ist die Trennung der Kinder eine ´Ghettoklasse´ im Schafspelz“, so Cornelia Schmidjell.

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