Ali Firat, Ortsgruppenvorsitzender

Interview: Ali Firat, Interkulturelle Ortsgruppe St. Pölten-Neuviehofen

Eine besondere Kinderfreunde-Ortsgruppe in St. Pölten liefert den Beweis, dass „Multi-Kulti“ nicht tot ist, sondern erstaunlich gut funktioniert, wenn sich jemand die Mühe macht, Leute verschiedenster Herkunft persönlich einzuladen. So jemand ist der junge Ortsgruppenvorsitzende Ali Firat. 

Ali Firat, Ortsgruppenvorsitzender

„Wir glauben, wenn man die Menschen einlädt, egal woher sie kommen, dann kommen sie auch!“

Ali Firat, 21, Ortsgruppenvorsitzender der Kinderfreunde St.Pölten-Neu-Viehofen 

Wie kam es zur Gründung der Ortsgruppe St. Pölten/ Neuviehofen?

Ali: Ich hab die Kinderfreunde Niederösterreich durch den Zivildienst kennen gelernt. Sie wollten in dem Stadtteil eine Ortsgruppe gründen, weil es dort noch keine gab, schon gar nicht eine, die von einem Migranten geführt wird. Es gab zwar dort in der Nähe eine Gruppe Alteingesessener, aber die waren nicht sehr aktiv. In der Nähe ist ein Volksheim mit Grünfläche. Nach kurzer Überlegung hab ich mich entschlossen, das zu machen, um Kindern und Familien etwas anzubieten. Michael Kögl (Mitarbeiter der BO – Anm. der Red.) war auch Zivildiener bei den Kinderfreunden Niederösterreich, den hab ich gefragt, ob er Schriftführer werden möchte. Der Stellvertreter heißt Ali Sengül, auch seine Mutter und meine Kusine machten mit. Das war Mitte April 2010.

Was waren eure ersten Aktivitäten?

Ali: Wir, die neuen FunktionärInnen, haben gemeinsam Heimstunden mit über 20 Kindern gemacht. Davor waren Sitzungen um zu besprechen, was wir den Kindern anbieten. Wir haben Buttons gemacht mit den Kindern, wo die Namen draufstehen, damit die Kindern auch etwas mit nach Hause nehmen konnten. Wir bieten den Kindern auch immer was zum Essen an. „Süßes essen und süß reden“ sagt frei übersetzt ein türkisches Sprichwort.

Wie habt ihr das am Anfang beworben?

Ali: Ich hab eine große Verwandtschaft hier, mich kennt hier jeder. Ich hab die Familien persönlich angesprochen. Die Leute haben mich gefragt, was das ist, „Kinderfreunde“, und ich hab ihnen das erklärt. Ich habe etwa 30 Familien angesprochen. Da waren dann 23 Kinder zum ersten Mal da. Beim zweiten Mal waren es dann schon 45 Kinder. Da haben wir Seilziehen und Fallschirmspiele gespielt und andere Gemeinschaftsspiele. Die Kinder sind von 3 bis 15 Jahre alt. Den Kindern hat das total Spaß gemacht, sie wollen gar nicht mehr nach Hause gehen. Sie kamen schon zwei Stunden vorher. Ab der zweiten Heimstunde haben wir dann Obst angeboten, um gesunde Ernährung zu betonen.

Wie ging’s dann weiter?

Ali: Vor dem Schulschluss wollten wir ein Spielfest machen mit dem Spielbus. Ich bin wieder von Haushalt zu Haushalt gegangen und habe das Fest beworben, Plakate angebracht, bei Vereinen und Moscheen, Einkaufszentren und so. Mundpropaganda ist sehr wichtig. Da waren dann 250 Leute da, obwohl es 33 Grad hatte und Badewetter war.

Am 19. September haben wir ein Spielfest zum Tag des Kindes gemacht, mit 450 Leuten, trotz Schlechtwetter. Der Bürgermeister war da und auch die Feuerwehr hat uns mit ihren Geräten unterstützt.

Kinderfest Neuviehhofen

Wer kommt aller zu euren Aktivitäten?

Ali: Es kamen Kinder aus allen möglichen Familien, türkische, österreichische, tschetschenische, ex-jugoslawische, alle haben friedlich miteinander gespielt. Ich habe alle angesprochen, die ich kenne. Dort wo ich keinen kannte, hab ich mit dem Hausmeister gesprochen. Bei den Kreativstationen standen verschiedenste Leute zusammen, auch viele Väter waren da. So funktioniert Integration. Über die Kinder hat man etwas gemeinsam, da ist es dann einfacher.

Mittlerweile haben wir schon 40 Mitgliedsfamilien verschiedenster Herkunft.

Wie geht es nun weiter?

Ali: Nach dem Fest im September gab es dann einen Konflikt wegen der Nutzung des Volksheims mit der Verwaltung und auch mit der relativ inaktiven Ortsgruppe dort. Seither dürfen wir das Volksheim nicht mehr benutzen und haben keinen Raum, obwohl wir auch im Sommer Programm machen wollten. Wir wurden mit fremdenfeindlichen rassistischen Äußerungen konfrontiert. Aber wir geben nicht auf.

Am 6. Dezember kommt der Kasperl und es gibt „Weihnachtskekse backen“, bis dahin müssen wir die Situation mit dem Volksheim geklärt haben. Wir machen einfach Kinderfreunde-Programm. Wir glauben, wenn man die Menschen einlädt, egal woher sie kommen, dann kommen sie auch. Wir wollen Ferien zu Hause anbieten und Ostereier suchen. Im Februar, wenn nicht so viele Hochzeiten, sind, möchten ich einen türkischen Abend machen und die Einnahmen an eine Sozialreinrichtung spenden.

Wie feierst du das Kurban Bayram – Fest im November?

Ali: Man trifft sich mit der Familie, viele nehmen sich Urlaub. Man bekommt einen schulfreien Tag, wenn man Moslem ist. Je nach der finanziellen Möglichkeit einer Familie werden z. B. Schafe geschlachtet. Manche spenden das Geld an soziale Einrichtungen. Das Fleisch wird verpackt und an Bekannte und Freunde verteilt und verschenkt. Man geht zu den Leuten hin. Es gibt auch Familien, die alle einladen, kochen und feiern. Da man es nicht schafft, alle auf einmal zu besuchen, dauert das Fest drei Tage. Wenn man eingeladen ist, bringt man ein Geschenk mit. Man sitzt zusammen, unterhält sich, es werden Geschichten erzählt. Die Kinder und die Großeltern erhalten Geschenke.

Alles Gute für die nächsten Aktivitäten und vielen Dank für das Interview!

Steckbrief:

Ali Firat, 21 Jahre
0699 1799 6611
Vorsitzender der Ortsgruppe St. Pölten-Neuviehhofen
Maschinenbauer, plant eine Ausbildung zum Sozialpädagogen
leistete Zivildienst bei den KF NÖ
Seine Eltern sind 1971 nach Österreich gekommen.
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