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Türkische Jugendliche: Mehr Chancendiskurs täte not!

In Österreich gibt es nicht genügend Studien darüber, wie der Bildungserfolg bzw. Bildungsaufstieg, insbesondere von als  „integrationsunwillig“ bezeichneten türkischen jungen Migranten und Migrantinnen funktioniert Strategien, Konflikte, Niederlagen und Hoffnungen derer, die trotz bildungsbenachteiligten Eltern an einer österreichischen Universität studieren, sind  weitgehend unerforscht ...

von Özlem Kilic

Özlem Kilic

Im Vordergrund der Diskussion des bildungspolitischen Diskurses stehen nach wie vor Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund, da die geringe Bildungsbeteiligung an weiterführenden Schulen und ihre Überrepräsentanz an Haupt- und  Sonderschulen in österreichischen Schulen statistisch belegt ist (BMUKK 2008: 14 u. 24).

Im Gegensatz zum problemorientierten Migrantendiskurs nehmen chancenorientierte Ansätze die Sichtweise der Migrantengruppe ein, denn der Defizitdiskurs blendet Potentiale, Chancen und Erfolge aus. Bildungserfolgreiche Jugendliche mit Migrationshintergrund, die seit den 90er Jahren auf den weiterführenden Schulen und auf Universitäten zum Vorschein kommen, passen nicht ins vielfach reproduzierte Bild einer Bevölkerungsgruppe, die sich durch soziale Ungleichheit, Benachteiligung und Integrationsprobleme darstellt. 

Türkische Eltern sind in ihren Erziehungsvorstellungen Mädchen gegenüber  eher behütend, was mit einem höheren Bildungsniveau der Eltern eher durch einen nachgiebigen Stil ersetzt wird. Die Erwartung, dass sich Kinder am Familieneinkommen beteiligen, ging tendenziell zurück. Zudem spielt Bildung für viele türkische Familien eine sehr große Rolle.

Ähnliche Studien gibt es auch in Österreich: eine aktuelle Studie der pädagogischen Hochschule Vorarlberg zeigt, dass vor allem Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund hohe Bildungserwartungen haben, insbesondere Mädchen mit türkischen Wurzeln zeigen sich sehr motiviert. 43 % der Schülerinnen mit türkischem Migrationshintergrund gehen mit Abstand am liebsten in die Schule (vgl. Böheim-Galehr/Kohler-Spiegel 2011).

Türkische Väter sehen sogar mehr als deutschsprachige Väter die Unterstützung der Kinder in der schulischen Laufbahn als ihre Aufgabe, wobei sie insbesondere eine akademische Laufbahn für erstrebenswert halten.

Familien mit türkischen Wurzeln werden als Hindernis für den erfolgreichen Bildungswerdegang ihrer Kinder betrachtet, was darauf zurückgeführt wird, dass der Bildungsmisserfolg, auf defizitären Sozialisationsbedingungen beruht und auf der Tatsache, dass diese Familien der bildungsfernen Schicht angehören.

Wie in empirischen Studien - die vor allem in Deutschland durchgeführt wurden - jedoch ersichtlich wird, gibt es Ressourcen und Potentiale, auch innerhalb der Familie,  auf die sich MigrantInnen stützen und die ihnen bei ihrem Erfolg als Quelle dienen.

Dem kulturell-defizitären Erklärungsversuchen kann somit entgegengehalten werden, dass an den Aufstiegsbewegungen in der zweiten Generation auch Kinder aus türkischen Migrantenfamilien partizipieren und -  sowie in dieser autochthonen Bevölkerungsmehrheit - die Söhne nicht selten von den Töchtern in Bezug auf Bildungserfolg übertroffen werden.

Autorin: Özlem Kilic, 35, Mutter von drei Kindern, ist Leiterin mehrerer interkultureller Eltern-Kind-Cafes bei den Kinderfreunden in Wien und studiert Bildungswissenschaften und Philosophie  ( … wir bewundern ihren Ehrgeiz und wissen auch nicht, wie sie das alles unter einen Hut bringt)

Quellen:
Farrokhzad, Schahrzad (2007): „Ich versuche immer, das Beste daraus zu machen.“ Akademikerinnen mit Migrationshintergrund: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und biographische Erfahrungen. Berlin, Verlag irena regener.
Pott, Andreas (2006): Tochter und Studentin – Beobachtungen zum Bildungsaufstieg in der zweiten türkischen Migrantengeneration. – In: . – In: King, V./Koller, H.Ch. (Hrsg.), Adoleszenz – Migration – Bildung. Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, S. 47-65.
Tepecik, Ebru (2011): Bildungserfolge mit Migrationshintergrund. Biographien bildungserfolgreicher MigrantInnen türkischer Herkunft. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften
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