Die Inschrift über dem Tor des Stammlagers

Bericht zur Gedenkstättenfahrt nach Krakau und Oswiecim

5.-11.April 2015 - in Krakau und Auschwitz (Polen)

Mit 550 jungen Menschen veranstalteten die deutschen Falken, Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken, eine Gedenkstättenfahrt anlässlich der 70 jährigen Befreiung des KZ und Vernichtungslagers Auschwitz. Die Roten Falken waren mit einer Delegation von zehn jungen Menschen dabei. Anna Wegscheider berichtet von der Fahrt und reflektiert, warum diese Art der Bildungsreisen so wichtig sind:

Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern.   

Das einzige, was wir tun können, ist, aus der

Vergangenheit zu lernen und zu erkennen, was

Diskriminierung und Verfolgung unschuldiger

Menschen bedeutet. Meine Meinung ist, dass jeder

die Pflicht hat, gegen Vorurteile zu kämpfen.

Otto Frank, 1970

Der Vater von Anne Frank verfasste für mich persönlich einen der wichtigsten Punkte der antifaschistischen Arbeit. Wir können nicht mehr ändern, was passiert ist, aber wir können sehr wohl etwas tun, wir müssen dafür kämpfen, dass ein Genozid, wie der Holocaust niemals wieder stattfindet, und zwar nirgends auf dieser Welt. Um aktiv gegen Vorurteile vorgehen zu können, ist es notwendig sich mit den Ursprüngen und der Geschichte der Genozide zu beschäftigen. Dafür organisierte die SJD – Die Falken eine Gedenkstättenfahrt, welche die perfekte Möglichkeit bot aus der Vergangenheit zu lernen und dadurch gegen Vorurteile zu kämpfen.

Bevor es auf die Fahrt ging, wurden in einem Vorbereitungstreffen die Grundlagen über den Zweiten Weltkrieg, die Verfolgung der Jüd*innen und den Holocaust geklärt. Deshalb waren wir als Teilnehmer*in bereits etwas informiert, als wir in Krakau ankamen. Der erste Tag diente dazu, dass wir uns in den Gruppen finden und uns sowohl inhaltlich als auch emotional auf den nächsten Tag vorbereiten, wo die Besichtigung der Gedenkstätten Auschwitz und Auschwitz-Birkenau anstanden. Inhaltlich beschäftigten wir uns nun speziell mit der jüdischen Verfolgung und dem Weg zum Holocaust mit dem Schwerpunkt des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die emotionale Vorbereitung zielte darauf an, dass auf freiwilliger Basis Ängste und Befürchtungen gemeinsam in der Gruppe besprochen wurden.

Am zweiten Tag fuhren wir zunächst in ehemaliger Stammlager Auschwitz, wo wir eine sehr informative Begleitung zu den Ereignissen und den historischen Hintergründen erhielten. Den Nachmittag verbrachten wir mit derselben Begleiterin im ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau. Durch die vielen Eindrücke und unvorstellbaren historischen Berichten waren die Teilnehmer*innen von dem Tag sowohl körperlich als auch emotional sehr mitgenommen. Die gemeinsame Reflexionsrunde in der Gruppe erleichterte spürbar alle, wobei zu Beginn der Reflexion alle Teilnehmer*innen sich ihrem Tagebuch widmeten und somit ihre persönlichen Gedanken niederschreiben konnten. Die Wichtigkeit einer ausführlichen Reflexion wurde in dem Moment spürbar.

Die nächsten beiden Tage waren für die Teilnehmer*innen individuell zu gestalten, was sie sehr genossen. Am Vormittag wurde jeweils Workshops zu den unterschiedlichsten Themen angeboten, welche auch nach Schwierigkeitsgraden gegliedert waren. Als Workshopleiterin und –teilnehmerin kann ich sagen, dass ich sowohl von den Kolleg*innen in meinem Workshop begeistert war, als auch von jenem an dem ich selbst teilnehme. Am Mittwochnachmittag beschäftigten wir uns im Zuge eines Stadtrundgangs mit dem jüdischen Leben in Krakau bis zu der Liquidierung des Ghettos. Dies ist auch ein wichtiger Beitrag um die Diskriminierung von Menschen und die Vergangenheit zu verstehen und deshalb nahmen wir das Angebot gerne an.

Da an dieser Gedenkstättenfahrt über 500 Menschen teilnahmen, sollte auch auf diesen Punkt kurz eingegangen werden. Denn auch der Aspekt sich auszutauschen, neue Freundschaften zu knüpfen, kam in der dieser Fahrt nicht zu kurz. So gab es am ersten Abend ein großes Eröffnungsfest und in der Mitte der Woche ein weiteres gemeinsames Fest. Ansonsten bestanden noch unzählige andere Möglichkeiten sich auszutauschen, was bei antifaschistischer Arbeit unglaublich wichtig ist, denn nur gemeinsam können wir für eine gerechte Welt eintreten.

Am vorletzten Nachmittag bereiteten wir gemeinsam mit der Gruppe den zweiten Besuch der beiden Gedenkstätten vor. Diesmal werden wir alleine, also ohne eine Begleiterin vor Ort sein und uns dem Gedenken widmen. Zunächst diskutierten wir sehr intensiv unsere Meinung zu Gedenken und wie wir das am nächsten Tag umsetzen möchten. Dabei kristallisierte sich klar heraus, dass die Mitglieder der Gruppe individuell und alleine Gedenken möchten.

Deshalb fuhren wir am Vormittag gemeinsam in das ehemalige Stammlager, wo wir uns die Länderausstellungen ansahen. Am Nachmittag gingen wir als Gruppe nach hinten zum ehemaligen „Kanada – Lager“, wo uns die Ausmaße des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau noch mehr bewusst wurden. Dort befindet sich eine Fotoausstellung von Opfern und die Gruppe trennte sich. Zum Gedenken erhielten alle ein Puzzleteil und eine Nelke. Die Idee des Puzzleteils war, dass wir diese anschließend zusammensetzen und dadurch einzelne Gedenkmomente zu einem Ganzen fügen. Dies wollte die Gruppe am Ende jedoch nicht, da alle ihr persönliches Puzzleteil mit nach Hause nehmen wollten. Am Abend fand noch eine Abschlussveranstaltung statt, welche diese großartige Bildungsreise beendet.

Warum kann die Gedenkstättenfahrt als großartige Veranstaltung bezeichnet werden?

Die Antwort darauf ist, dass die Bildungsreise in sich sehr stimmig war. Sowohl die Teilnehmer*innen, welche sich schon lange mit dem Thema beschäftigen, hatten viele Möglichkeiten und Angebote sich weiter zu bilden, und genauso gut wurde auf Jugendliche und junge Erwachsene eingegangen, welche noch unerfahrener waren. Von individueller Vorbereitungszeit, begleitete Rundgänge über die Gedenkstätten, Reflexionsrunden, thematische Vorträge und Workshops, Stadtrundgänge bis hin zu Freizeit und Unterhaltungsangeboten war bei dieser Bildungsreise alles dabei.

Bei der Heimfahrt war der Wunsch in der Gruppe spürbar, der Wunsch sich noch intensiver dafür einzusetzen, dass der Holocaust niemals wieder passiert, dass niemals wieder Menschen aufgrund von Hautfarbe, politischer Einstellung, Glauben oder anderen Gründen ermordet werden. Wie Otto Frank schrieb, wir können es nicht ändern, was geschehen ist, aber in Gegenwart und Zukunft bestimmen wir mit!

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