Poster "Kindergartenpädagogin", © Schülerin der KMS Kopp II

Migrationshintergrund - Potenzielles Risiko oder Erfolgsfaktor?

Der Übergang von der Pflichtschule in eine weiterführende Ausbildung oder auf den Arbeitsmarkt ist eine wichtige Entscheidung, die für viele Jugendliche eine große Herausforderung darstellt. In einer speziellen Situation sind Jugendliche mit Migrationshintergrund.Für sie werden zahlreiche Risikofaktoren aufgezeigt, die die Chancen auf eine erfolgreiche Bildungslaufbahn und einen guten Berufseinstieg verringern – seien es die fehlenden Ressourcen der Eltern, um sie bei diesem Übergang zu unterstützen, oder die so oft erwähnten zu schlechten Deutschkenntnisse.Neben diesen individuellen Risikofaktoren gibt es aber auch handfeste Diskriminierungen in Ausbildung und Beruf. Zu diesen zählt ein defizitorientiertes Schulsystem, das Mehrsprachigkeit nicht als wertvolle, förderungswürdige Ressource betrachtet, sondern vorwiegend als potenzielles Risiko fürs Deutsch lernen. Warum sonst setzt sich Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz für Extraklassen für MigrantInnenkinder ein anstatt beispielsweise für eine zusätzliche Alphabetisierung in der Erstsprache? Auch der Umstand, dass Jugendlichen mit Migrationshintergrund tendenziell nicht zu akademischen Berufen geraten wird, ist als Diskriminierung zu verstehen– im Gegenteil: Ihnen wird sogar davon abgeraten! Ein Beispiel: Öffentlich für alle mit verfolgbar geschah dies 2011 in einem Berufsberatungs-Comic des AMS. Der jungen Kopftuchträgerin Yasmin, die sich für das Studium der Zahnmedizin interessiert,wird vorgeschlagen, doch lieber Zahnarzttechnikerin zu werden. Auf Grund von Protesten zog das AMS dieses Comic wieder zurück.

NACHGEFORSCHT

Doch auch wenn es im öffentlichen Diskurs wenig Beachtung findet – trotz dieser Risiken und Diskriminierungen schaffen es viele junge Menschen mit Migrationshintergrund,eine Ausbildung abzuschließen und in ihrem Beruf erfolgreich zu sein. Das Institut für Kinderrechte und Elternbildung hat sich gemeinsam mit SchülerInnen der KMS KOPP II im 16. Wiener Gemeindebezirk die Frage gestellt, welche Faktoren dazu führen, dass Jugendliche trotz des „Risikofaktors Migrationshintergrund“ den Übergang ins Erwerbsleben oder in eine weiterführende Schule erfolgreich meistern. Neben diesem Perspektivenwechsel ist sein partizipativer Forschungsansatz eine weitere Besonderheit dieses Projekts. Dahinter steht das Anliegen, Forschung „über“ Kinder und Jugendliche zu einer Forschung „mit“ ihnen werden zu lassen. Für unsere jungen Ko-ForscherInnen bedeutete dies, dass sie in unterschiedliche Bereiche des Forschungsprozesses eingebunden waren. Dabei gaben wir den Jugendlichen sehr bewusst die Gelegenheit, erfolgreiche junge Erwachsene zu interviewen, die in den Traumberufen der SchülerInnen tätig sind. Außerdem war es uns ein Anliegen, die von den Jugendlichen genannten Berufe nicht von vornherein als unerreichbar abzuwerten, ganz gleich welcher Beruf das war. Die Berufswünsche waren vielfältig und größtenteils sehr bildungsorientiert. Sie gingen von Kindergartenpädagoge über Schauspielerin bis hin zu Anwalt oder Architektin. Für die Jugendlichen ergab sich dadurch die Gelegenheit, ihre Berufswünsche kritisch zu reflektieren, aus den Erfahrungen der interviewten jungen Erwachsenen zu lernen und Vorbilder für ihren eigenen beruflichen Werdegang zu finden.

GRAFIKER 2012: „Es ist – als nicht offensichtlicher Österreicher – nicht so leicht, einen Job zu kriegen, weil man muss einfach immer mehr beweisen, man muss immer besser sein als die anderen.“
RECHTSANWALT 2012: „Vor allem bei der Jobsuche hat mein Migrationshintergrund eine wichtige Rolle gespielt. Durch die Türkischkenntnisse hatte ich eine zusätzliche Sprache, die ich kann, und das hat mir die Jobsuche erleichtert.“

DAZUGELERNT

Zu den zentralen Ergebnissen des Projektes zählen: Aufgrund der Benachteiligungen, denen Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgesetzt sind, müssen sie mehr Leistungen erbringen, um das Gleiche zu erreichen wie andere Jugendliche. Wenn der eigene Migrationshintergrund nicht negiert, sondern als Bereicherung empfunden wird, dann können dieser und die damit verbundene Mehrsprachigkeit aber auch eine förderliche Ressource für den Bildungs- und Berufserfolg darstellen. Eine positive Verankerung in der Herkunftskultur und in Österreich begünstigt die Entwicklung interkultureller Kompetenz. Dadurch werden die beruflichen Möglichkeiten vervielfacht. Migrationshintergrund ist also nicht nur als potenzieller Risikofaktor für Bildungs- und Berufsverläufe einzustufen, sondern kann auch zu einer erfolgreichen beruflichen Karriere beitragen. Damit dies nicht nur vereinzelt zutrifft, braucht es allerdings ein Bildungssystem, das Mehrsprachigkeit als Ressource und Kompetenz schätzt und fördert.

Marion Hackl, März 2013

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