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Mein Bruder Ali und ich

Young Hearts - Kinder, die die Welt verändern.

von Isabella Csar, 15,5 Jahre

Begonnen hat alles im August 2015 bei Connect mit einem Loobänderstand im Flüchtlingslager Traiskirchen.

Meine kleine Schwester, eine Freundin und ich knüpften bunte Bänder mit geflüchteten Menschen.

Damals lernten wir meinen jetzigen (Pflege- und das Wort kann ich nicht leiden) Bruder Ali kennen. Wir mochten ihn von Anfang an und merkten wie interessiert und wissbegierig er war. Aber im Grunde war er uns einfach sympathisch. Wir wollten ihm helfen die deutsche Sprache schneller zu lernen und schon nach wenigen Wochen war klar, Ali gehört irgendwie zu uns. Mittlerweile wohnte er in einem Flüchtlingslager in Wien und nach einigem bürokratischen Hin und Her konnte er im November 2015 zu uns ziehen.

Ich mochte ihn von Anfang an, weil er ein so liebenswürdiger Mensch ist. Ali hat sich echt sehr schnell bei uns eingelebt und wurde ein ganz normales Familienmitglied. Inzwischen empfinden wir innerhalb unserer Familie gar nicht mehr, dass er nicht immer bei uns war. Es fühlt sich an als ob es immer schon so war. 

Das Zusammenleben mit Ali ist so, wie es in einer Familie mit drei Geschwistern und Eltern ist, lustig, anstrengend, entspannend, nervig, schön, friedlich – halt einfach Familie. Ali ist definitiv hilfsbereiter als meine Schwester und ich, zumindest was den Haushalt betrifft. Wenn meine Schwester oder ich traurig sind, genervt oder ein Problem haben, können wir immer zu Ali gehen. Er ist ein liebevoller und einfühlsamer Typ, verteilt gute Tipps, tröstet, hilft und bringt uns zum Lachen. Natürlich sind wir umgekehrt auch immer für ihn da. Manchmal kann Ali unheimlich viel und endlos quatschen, vor allem im Auto, das nervt. Auf der anderen Seite genieße ich es mit ihm am Nachmittag oder am späten Abend zusammenzusitzen, Tee zu trinken und wir bereden, was so über den Tag los war. Oder wir machen Blödsinn zusammen, wie etwa eine spontane Wasserschlacht. Ali hat einen guten Humor, aber kann überhaupt keine ordentlichen Witze erzählen. Nur er findet sie witzig. Dafür bringt er uns mit anderen Blödheiten zum Lachen und meine kleine Schwester Rosa und er versuchen sich damit zu übertreffen. Rosa kann, selbst wenn sie es möchte, in Alis Gegenwart niemals traurig sein. Er bringt sie am Ende immer wieder zum Lachen.

Viele Leute sehen in Ali einfach den jungen Mann den wir aufgenommen haben, und meinen er hätte so unglaublich viel Glück gehabt. Das nervt. Und es beleidigt eigentlich unsere Familie. Auch wenn es nicht bös gemeint ist. Ali ist mein Bruder und wir haben ihn ja nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen, nein, im Grunde war es einfach Schicksal, dass wir ihn getroffen haben.

Ali ist unglaublich fleißig. Er arbeitet ehrenamtlich jeden Tag am Vormittag in einem Kindergarten, dann lernt er und am Abend geht er in die Abend HAK. Einmal pro Woche macht er noch eine Zusatzausbildung. Ali lernt unglaublich viel. Oft tut er mir leid, wenn er stundenlang am Schreibtisch sitzt und lernt. Aber er hat gute Noten und seine ProfessorInnen mögen ihn auch sehr.

Nun denkt man, eh alles gut und lässig, aber unser Familienleben wird von einer Sache, nämlich Alis erstem negativen Asylbescheid, überschattet. Im Bescheid stand die Familie – also wir – wären ja nur eine Zweckgemeinschaft von niedriger Intensität. Das braucht man eigentlich gar nicht mehr kommentieren. Was so ein Satz in uns allen auslöst ist wahrscheinlich für andere gar nicht vorstellbar. Als der Bescheid kam musste ich stundenlang weinen. Ali war viel tapferer als ich und auch wenn er völlig aus der Bahn geworfen war hat er mich noch getröstet.

Obwohl in seinem Herkunftsland Afghanistan Krieg herrscht, soll er dorthin zurückkehren. Das ist für mich und unsere Familie unvorstellbar. Jetzt warten wir auf die zweite Instanz.

Ich versteh nicht warum die Verantwortlichen nicht begreifen wer Ali ist?! Er geht ehrenamtlich arbeiten, weil er ja kein Geld verdienen darf, aber sofort ordentlich arbeiten könnte. Er spricht super Deutsch, geht ganz normal in eine Oberstufe – HAK und hat hier eine Familie – UNS. Das heißt, sollte das Schlimmste eintreffen, verlieren wir nicht nur nicht nur einen jungen Menschen als Schüler, Kollege, Arbeitenden, sondern auch als Familienmitglied, als Bruder und Sohn.  Das ist das Schlimmste daran. Das ist ein Albtraum.

Ich denke mir oft: „Ali ist so liebenswürdig und herzlich zu anderen Menschen, obwohl er in ständiger Angst und unter permanentem Druck leben muss. Und obwohl er sich quasi ständig als junger Afghane rechtfertigen muss.“

Ich wünsche mir endlich ohne diesem Druck leben zu müssen.

Aber manchmal gelingt es alles wegzuschieben und normal zu leben. Zum Beispiel im Urlaub, beim Lernen, beim Kochen (Ali kann unheimlich gut Kochen, vor allem kocht er extra für mich vegetarisch, beim gemeinsam das Laaerbergbauernfeld bewirtschaften, bei Ausflügen, beim Schwimmen und Karteln und natürlich beim Feste feiern.

Wir feiern alles gemeinsam und das ist sehr lässig. Vor allem für meine Schwester Rosa und mich, weil wir in den Genuss von weiteren Festen im Jahreskreis kommen.

Unsere Familie ist nicht nur eine Zweckgemeinschaft. Wir geben Ali nicht einfach nur einen schlafplatz, um dann vor anderen Leuten gut und als barmherzig da zu stehen.

Ali ist ein Teil von uns. Niemand sollte einen Teil von sich verlieren müssen.

Mein Appell: Lasst Ali hier bei seiner Familie leben, denn Familie ist das Wichtigste, was der Mensch hat!

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