Vielfalt braucht Chancen - Kinderarmut, Migration, Bildungsbenachteiligung

Wien, 5. 9. 2007 - „270.000 Kinder in Österreich sind von Armut betroffen oder gefährdet, das heißt, sie sind von wichtigen Ressourcen für eine gute Entwicklung abgeschnitten“, eröffnete Franz Prokop, der stv. Vorsitzende der Wiener Kinderfreunde, die Pressekonferenz anlässlich des Welttages des Kindes im Kinderfreunde Betriebskindergarten der Gemeindebediensteten. Die Wiener Städtische Versicherung ist auch in diesem Jahr wieder der Hauptsponsor des Welttages des Kindes.

Kinder mit Migrationshintergrund (wenn sie nicht aus EU oder EFTA-Ländern kommen), mehr als einem Geschwisterkind oder alleinerziehendem Elternteil sind doppelt und dreimal mehr armutsgefährdet als andere. Und je geringer das Haushaltseinkommen, desto geringer die Bildungschancen und aussichtloser die Perspektiven der Kinder. Bei der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund verschärft sich die Situation noch durch die Mehrsprachigkeit. Zwei Drittel der AMS Klienten ohne Schulabschluss in Wien sind Zuwandererkinder.

Frauenberger: „Soziale Mobilität erhöhen, heißt im Kindergarten und in der Schule ansetzen.“

Neben der Forcierung vor allem zielgruppenspezifischer Sprachmaßnahmen sei es eines ihrer wesentlichen integrationspolitischen Ziele, die soziale Lage von ZuwanderInnen insgesamt zu verbessern, sagte Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger. „Das hängt unmittelbar mit der Verbesserung ihrer Arbeitsmarktchancen zusammen. Wir haben dafür in Wien auch bereits ein acht Punkte umfassendes Programm erstellt, das zum Teil auch schon im Laufen ist. Denn eines ist klar: je besser das Einkommen und damit der soziale Status von ZuwanderInnen, umso besser ist ihre gesellschaftliche Situation und Position insgesamt, umso besser die Bildungs- und Zukunftschancen für die Kinder“, so Frauenberger. Soziale Mobilität zu erhöhen beginne aber schon im Kindergarten und in der Schule, so die Stadträtin weiter. Wien setze hier schon eine Reihe von Maßnahmen, unterstrich sie.

Frauenberger sprach sich außerdem für die gemeinsame Schule der Vielfalt aller 10 bis 14-jährigen aus. Denn einerseits werde dadurch die Sprach- und auch interkulturelle Kompetenz im umfassenden Sinn gefördert, andererseits die Durchlässigkeit des Bildungssystems erhöht. Mit diesem Durchstoßen der gläsernen Decke im Bildungssystem steigen die Job- und Zukunftschancen aller Kinder, stellte sie fest.

Als wesentlichen Aspekt für bessere Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund nannte die Integrationsstadträtin die Zusammenarbeit mit und die Mitarbeit der Eltern in Kindergarten und Schule. Frauenberger verwies in diesem Zusammenhang auf die in Wien bereits sehr erfolgreich laufenden „Mama lernt Deutsch“ Kurse und die Elternseminare, wo es auch ganz stark um die Vermittlung des Wertes von Bildung gehe.

Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits erklärte, dass es bei Kinderarmut nicht nur um ein geringes Medianeinkommen im Haushalt geht. „Kinder die in armutsgefährdeten Haushalten aufwachsen, haben ungünstigere Entwicklungsbedingungen in schulischer und beruflicher Ausbildung, in den familiären Beziehungen, in ihrer Freizeit und in der Interaktion mit Gleichaltrigen. Manche leiden an Hunger, viele an der Ausgrenzung oder den Härten des Asylgesetzes, alle am Stress des Lebens am Limit. Sie erleben nicht nur die Unterversorgung als traumatisch, sondern auch die Ohnmacht der Eltern. Daher ist es besonders wichtig, möglichst früh die Stärken und Schwächen der Kinder zu erkennen und sie in jeder Hinsicht individuell zu fördern und zu unterstützen“, so Pinterits.

Auf den Anfang kommt es an

Bildungsexperte DDr. Günter Haider, Leiter der PISA Studie in Österreich meinte: „43% aller Kinder, die keinen Kindergarten besucht haben, sind als 15-Jährige laut den PISA-Lesetests Risikoschüler/innen, das heißt, sie haben enorme Probleme mit sinnerfassendem bzw. fließendem Lesen. Das sind dreimal so viele Risikoschüler/innen als in jener Gruppe, die den Kindergarten regelmäßig mehr als ein Jahr besucht hat.“ Haider meinte auch, dass „Chancengerechtigkeit“ heißt, jedes Kind so früh und so wirksam zu unterstützen und zu fördern, dass es seine Leistungs¬möglichkeiten möglichst optimal ausschöpfen kann. „Dabei kommt es vor allem auf den Anfang an, auf einen möglichst verpflichtenden Kindergartenbesuch und die bestmögliche Qualität von Frühdiagnostik und Frühförderung. Und die staatlichen Einrichtungen sind vor allem auch in der Pflicht, wenn es gilt, gezielt kompensatorische Unterstützung dort zu leisten, wo Eltern dies nicht können oder wollen“, so der Bildungsexperte.

Schlüsselkompetenz Sprache

„Je früher ein Kind in den Kindergarten kommt, umso besser sind also seine Chancen, einen guten Schuleinstieg zu haben und umso besser können mögliche Defizite ausgeglichen werden. Auch sprachliche Defizite der Kinder vor dem Schuleinstieg“, fasste Prokop zusammen. 20 Prozent der aktuellen Wiener TaferlklasslerInnen hatten bei der Schuleinschreibung im Dezember 2006 Bedarf an Sprachförderung. Emotionale Unterversorgung, ein Mangel an altersadäquaten Entwicklungsanregungen und soziale Ausgrenzung wirken negativ auf die Entfaltung der kindlichen Sprachkompetenz.
Bei einer großen Gruppe der von Armut betroffenen Kinder kommt noch dazu, dass sie die Zweitsprache Deutsch, erlernen müssen, wobei sie zuhause meist wenig Unterstützung erhalten können.

Soziale Brennpunktkindergärten

Die Wiener Kinderfreunde haben durch eine Erhebung in ihren Einrichtungen ) 23 sogenannte „Soziale Brennpunktkindergärten“ (vgl. H. Grimm – Bielefeld, Anteil an Kindern mit Deutsch als Muttersprache unter 30 %) herausgefiltert. In diesen sind drei bildungsbenachteiligende Faktoren besonders häufig zu finden:

  • Migrationshintergrund und damit verbundene Sprachproblematik,
  • Finanzschwäche der Eltern und
  • Bildungsferne.

Aufbauend auf diese Erhebung haben die Wiener Kinderfreunde einige Maßnahmen gesetzt, die über die im Kindergartenalltag stattfindende Unterstützung der Sprachentwicklung hinaus verstärkt (aber nicht ausschließlich) in den Brennpunktkindergärten wirksam sein werden:

Maßnahmenkatalog

Ab Herbst dieses Jahres werden in sozialen Brennpunktkindergärten die Kurse „Mama lernt Deutsch“ parallel zum Kindergartenbetrieb angeboten und Elternbriefe in 15 verschiedenen Sprachen mit Tipps zum Thema „wie lernt mein Kind eine Zweitsprache“ kostenlos verteilt. Diese Briefe wurden vom Staatsinstitut für Frühförderung München zur Verfügung gestellt.
„Sehr wichtig wäre der verstärkte Einsatz von DolmetscherInnen zur Unterstützung der Elternarbeit, aber dafür fehlen uns die finanziellen Mittel“, ergänzt Prokop zu diesem Thema.

Im Rahmen ihrer internen Fortbildungsakademie unterstützten die Wiener Kinderfreunde ihre MitarbeiterInnen mit einem Basislehrgang „Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt“ bei der gezielten Förderung von Kindern beim Erst- bzw. Zweitspracherwerb. Ziel ist es auch, allen Kindern das Miteinander der unterschiedlichen Kulturen positiv erlebbar zu machen.

Diesbezüglich ist auch der gezielte Einsatz von muttersprachlichem Personal in den im Kindergarten jeweils überwiegenden Sprachen sehr wichtig - als sprachliche aber auch emotionale „Brücke“ zur Zweitsprache Deutsch.

Die Firma Microsoft hat den Kinderfreunden die Sprachförderungs-Software „Schlaumäuse“ inkl. Betriebssystem zur Verfügung gestellt und die MitarbeiterInnen kostenlos darauf eingeschult. Bis Ende des Jahres werden alle Brennpunktkindergärten der Wiener Kinderfreunde auch mit der entsprechenden Hardware ausgestattet.

Mit internationalen SprachwissenschafterInnen arbeiten die Kinderfreunde im EU-Projekt ENEMU an der Entwicklung von Weiterbildungsmodulen für PädagogInnen zum Thema Mehrsprachigkeit im Kindergarten.

Und zusammen mit der Sigmund Freud Universität entwickeln die Wiener Kinderfreunde gerade ein Sprachstandsfeststellungsverfahren für Kinder ab dem 3. Lebensjahr. Für die Feststellung der Sprachkompetenz des Kindes sind vertraute Umgebung und dem Kind vertraute Menschen ganz wesentlich – beides ist im Kindergarten gegeben. In enger Zusammenarbeit mit den Eltern sollte dabei die ganzheitliche Entwicklung des Kindes berücksichtigt werden. Ziel des Verfahrens ist es, zu erfassen, ob das Kind voraussichtlich im Kindergarten die nötige Sprachkompetenz erreichen wird oder zusätzlich Ressourcen, die im Kindergarten abgedeckt werden können, benötigt oder außerhalb des Kindergartens therapeutische Hilfestellung braucht.

Das mobile Erziehungsberatungs-Team steht den KindergartenpädagogInnen und Eltern seit vielen Jahren analysierend und beratend zur Verfügung, wenn Kinder Sprachauffälligkeiten zeigen.

Eigenes Engagement und SponsorInnen

Die Kinderfreunde haben all diese Maßnahmen mit großem Engagement der MitarbeiterInnen und Unterstützung von SponsorInnen erarbeitet und umgesetzt.

Mag. Barbara Hagen-Grötschnig, Pressesprecherin der Wiener Städtischen Versicherung: „Die umfassende Förderung von Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Anliegen der Wiener Städtischen. Soziale Verantwortung, interkulturelle Vernetzung und das Vertrauen in die nachfolgende Generation sind essentielle Werte unserer Unternehmensphilosophie. Deshalb unterstützt die Wiener Städtische zahlreiche Projekte der Kinderfreunde.“

Forderungen an die Politik

Im Hinblick auf die Aktualität des Themas, ist dies sicherlich ein erster Schritt, der auch für andere Betreiber interessant sein könnte. Daher formulierte Prokop abschließend die Forderungen der Familienlobby an die Politik:

  • Der Kindergarten sollte als erste Bildungseinrichtung ebenso selbstverständlich von allen Kindern besucht werden, wie die Schule. Im Idealfall ab dem dritten Lebensjahr. Dazu bedarf es ausreichender Plätze in ganz Österreich, bundesweiter Standards und Bildungspläne wie in Wien. Denn elementare Bildung ist auch Bundessache, und es ist hier genauso Verantwortung vom Bund zu übernehmen, wie im Schulbereich.
  • Weitere Verbesserung der Bildungsqualität im Kindergarten. (modulare Ausbildung aller PädagogInnen auf Universitätsniveau, dabei mehr Gewicht auf Sprachförderung.)
  • Zusatzressourcen für die individuelle Förderung von Kindern im Kindergarten. Nicht nur, aber vor allem in den sozialen Brennpunktkindergärten.

Rückfragen zu diesem Text richten Sie bitte an Michaela Müller-Wenzel, Wiener Kinderfreunde,
Tel. 01/401 25-55, E-Mail:

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