Homeschooling: Tipps von Familienberaterin

Viele Eltern mussten durch die Eindämmungsmaßnahme gegen den Corona-Virus seit einigen Wochen in die Rolle von HilfslehrInnen schlüpfen. Das war und ist manchmal alles andere als einfach. Da selbst nach der Teil-Öffnung der Schule ab Mitte bzw. Ende Mai noch die Hälfte der Woche Homeschooling sein wird, haben wir Mag.a Ruth Karner gebeten, ein paar Tipps zu geben.

Ruth Karner (c) Norbert Täubl

Ruth Karner ist psychologische Beraterin und Familienberaterin nach Jesper Juul und hat eine Praxis in Linz. Sie ist selbst Mutter zweier Kinder (8 und 9 Jahre) und spricht deswegen auch aus unmittelbarer eigener Erfahrung. Sie hat die Broschüre „Schule zu Hause" herausgegeben, die Eltern dabei helfen soll durch diese Zeit zu navigieren. Den gratis Download gibt es unter: https://www.ruthkarner.at/thema/blog/

  

  

  

Welche Tipps haben sie an Eltern die neue und zuweilen schwierige Doppelrolle als Lehrer und Eltern zu gestalten?

Das kann ich so gar nicht beantworten, weil ich finde das jetzt „die Schule zu Gast"  ist bei uns zu Hause ist, dass aber dadurch Eltern keine Lehrer sind. Ich finde, das ist das wichtigste bei dieser ganzen Sache! Es sollte nicht passieren, dass wir glauben, wir müssen jetzt Lehrer sein. Wir begleiten unsere Kinder dabei, dass sie die Schulthemen zu Hause bearbeiten können. Wir sind dabei aber aufgerufen, ganz und gar Mama oder Papa zu bleiben. Wir sind zu Hause, ganz privat und persönlich. Praktisch heißt das, ich fokussiere auf unsere Beziehung, auf unsere Bedürfnisse, Geschichten... nicht primär auf die Leistung.  

 

Was ist wichtig in der Begleitung schulischer Dinge zu Hause?

„Hilf mir es selbst zu tun“, nach Maria Montessori ist ein guter Grundsatz. Kinder sollen so gut es geht selbstständig arbeiten, sich dabei aber nicht alleine oder überfordert fühlen. Kinder brauchen Eltern, die den Job des Erwachsenen übernehmen, der da heißt „Leitwolf sein“, im Juulschen Sinne. In Zusammenhängen denken, den Rahmen halten und sie begleiten. In diesem Rahmen brauchen sie dann die größtmögliche Freiheit ihren eigenen Weg zu gehen. Was praktisch heißt, wir sorgen dafür, dass Regelmäßigkeit in der Schule zu Hause Raum bekommt. Wir sorgen für klare Rituale, die sich von den anderen Aktivitäten zu Hause abgrenzen und für eine Arbeitsatmosphäre. Wir helfen den Kindern indem wir klare Arbeitspakete haben und ermöglichen den Kindern jedoch zugleich auf ihre Weise zu arbeiten. Dass sie dann bei der Arbeit mal singen, dass sie mal mit einem Buch am Boden liegen oder etwas praktisch erforschen und dergleichen, das ist dann ihr Weg. Wenn wir als Eltern uns dafür interessieren und das begleiten, könnten hier neue, menschenfreundliche Wege des Lernens entstehen. 

 

Weg mit der „Defizitbrille“ und her mit der „Schatzkiste“ sagen Sie, wie ist dies praktisch zu verstehen?

Schulischen Dingen heften schnell so Themen an wie „richtig" oder „schön" oder „genau". Da ist man schnell schlampig, macht was falsch, usw. Auch wenn es gut ist sich zu entwickeln und aus Fehlern zu lernen, ist es sehr frustrierend, wenn immer alles zu wenig ist. Es macht daher Sinn gerade zu Hause auch über das nachzudenken, was gut läuft und was uns gemeinsam gelungen ist. Gerade in so fordernden Zeiten wie jetzt, überfordert man sich schnell. Wenn wir jeden Abend darüber nachdenken: „Was ist denn heute in unserer persönlichen Schatzkiste drin, was ist heute gut gelaufen?", gehen wir motiviert und positiv schlafen. Das ist gesünder und hilft unserer Motivation! Wenn alle in der Familie mitmachen, können dabei sehr schöne Momente und Begegnungen entstehen. 

 

Wie gelingt ein gemeinsames Lernen daheim, bei dem auch Eltern von ihren Kindern lernen?

Eltern die sich echt auf ihre Kinder einlassen, lernen immer was. (Lacht). Es ist gut für Kinder ihre Selbstwirksamkeit und Kompetenzen zu erfahren. Wenn mich wer ernst nimmt, wenn ich gestalten kann, dann erlebe ich mich als wirksam. Kinder haben so eine tiefe und pure Kreativität und Freude, wenn wir sie aber ständig zu belehrenden Objekten machen, statt auch mit und von ihnen zu lernen, geht sehr viel davon verloren. Praktisch heißt das, wir lassen uns die Welt auch von ihnen erklären, wir stärken sie in dem was sie denken und brauchen. Und sie lehren uns Dinge, die sie gerne machen. Was man aber auch mit Kindern lernt, ist, dass man selber Grenzen hat. Und das darf auch sein! Kinder dürfen erfahren, dass auch wir nur Menschen sind. Das ist gesund für Beziehungen! 

 

Was ist beim Home-Office gemeinsam mit Kindern zu beachten?

Ganz klare Räume und ganz klare Grenzen für alle. Die Vorstellung zu Hause genauso wie im Büro zu arbeiten und dass die Kinder einfach so nebenherlaufen, geht sich nicht aus. Je kleiner die Kinder sind, umso mehr Begleitung brauchen sie. Aber auch die Großen brauchen uns immer wieder mal zwischendurch. Im Idealfall ist der Arbeitsort nicht im Herzen des Geschehens, sondern irgendwo zurückgezogen. Es ist wichtig, dass die Kinder während unserer Konzentrationsphase wissen, was sie inzwischen mit dieser Zeit machen. Es macht Sinn, den Tag zuerst mit gemeinsamer Zeit, Gesprächen oder einem Spiel zu beginnen. So können wir den Kindern zuerst zu zeigen, dass sie hier wichtig sind und uns erst danach zurückzuziehen. „Wenn ich schon gegessen habe, bin ich nicht mehr so hungrig“, diese Metapher könnte uns helfen, das zu verstehen. Und dann kann man die Kinder um ihre Hilfe bitten. Wichtig ist, dass wir uns dann aber auch merken, dass Kinder einen ganz anderen Zeitbegriff haben als Erwachsene. 

 

Kinder brauchen einen Tagesplan, gleichzeitig aber Zeit für Kreativität und auch Langeweile. Wie kann dies gelingen?

Weniger ist mehr, ist da mein Motto. Der Tagesplan hilft Routinen zu entwickeln, um nicht jeden Tag Grundsatzdiskussionen führen zu müssen. Aber das Zeitfenster für das Thema Schule oder auch für anderes „Programm" sollte so gewählt werden, dass sich genug Freiraum ergibt. Und ja, der kann zu Beginn manchmal alle nerven. Dabei verarbeite ich Erlebnisse, finde schrittweise zu mir und da muss manchmal erst ein wenig Frust weg. Wenn wir das aushalten, dass nicht immer alles wunderbar geregelt abläuft, dann kommt danach die Kreativität zum Vorschein. Das ist das größte Geschenk an die Kindheit: Freiraum! Die Langeweile ist die große Schwester der Kreativität, der Frust der Bruder der Gelassenheit. Das bedingt sich alles. Wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass eine glückliche Kindheit immer glückliche Kinder sind. Glücklich bin ich dann, wenn alle Gefühle und ich als Ganzes o.k. bin, so wie ich bin. Und das gilt für uns alle! 

 

Sie sagen, jetzt muss es o.k. sein, auch mal nicht zu funktionieren. Wie meinen sie das?

Wir erleben eine totale, nie da gewesene Ausnahmesituation. Wir riskieren die Stabilität unserer Wirtschaft, die wirtschaftliche Existenz einzelner um Leben zu retten. All das nehmen wir in Kauf. Aber die Kinder und Familien sollen in all dieser sorgenvollen Zeit auf engsten Raum ganz normal „weiterfunktionieren"? Das ist unmenschlich und macht so keinen Sinn. Wir lernen gerade viel über die großen Themen des Lebens: Fürsorge, Gemeinschaft, Solidarität, Konflikte, Grenzen, Gesundheit, Bedürfnisse, Ängste, staatliche Macht, Demokratie,... da passiert so viel, dass es auch mal wichtig ist, dass daneben auch mal nicht alles normal weiter geht. Diesen Preis sollten wir aufrecht zahlen und unsere Kinder und uns vor völliger Überforderung schützen. Jetzt ist die Zeit von weniger ist mehr. Gute Vorsätze sind für gute Zeiten. Jetzt sollten wir einfach aufeinander aufpassen und uns nicht zusätzlich mit Perfektionismus quälen. Es sollte o.k. sein, einfach mal nur „zu sein", statt immerfort „zu tun".

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