Experten-Interview mit Thomas Graf
Hier findet ihr die ungekürzte Version des Experten-Interviews mit Thomas Graf:
Thomas, du leitest das Kidsnest Kinderschutzzentrum in Gmünd. Mit welchen Kindern und Familien habt ihr zu tun?
In unserer Arbeit begleiten wir Kinder und Jugendliche, die Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder andere belastende Erfahrungen durch Gewalt gemacht haben. Wir arbeiten auch, sofern die Ressourcen reichen, mit ihren Familien und Bezugspersonen.
Unser Alltag ist geprägt von Beratungen und therapeutischer Arbeit, von Begleitung zu Polizei oder zu Gericht. Die Vernetzungsarbeit mit anderen Institutionen und nicht zuletzt Fallbesprechungen im Team sind ebenso Teil der täglichen Arbeit.
Mit welchen Sorgen, Ängsten oder Fragen kommen Kinder und Jugendliche zu euch?
Die Themen und Anfragen sind sehr unterschiedlich, jedoch sind wir eine Opferschutzeinrichtung mit dem Schwerpunkt Gewalt an Kindern. So geht es häufig um Gewalt in jeglicher Form, sexuelle Übergriffe, Vernachlässigung und dergleichen.
Viele Kinder fragen sich: „Bin ich schuld?“, „Wird mir jemand glauben?“ oder „Was passiert, wenn ich darüber spreche?“ Unsere Aufgabe ist es, diese Ängste ernst zu nehmen und den Kindern zu vermitteln, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind und dass es wichtig ist, genau dies zu thematisieren, um sie selbst und andere zu schützen.
Wenn wir von Gewalt gegen Kinder sprechen: Was gehört da eigentlich alles dazu? Wo beginnt Gewalt?
Gewalt gegen Kinder umfasst körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt ebenso wie Vernachlässigung. Sie beginnt nicht erst bei sichtbaren Verletzungen, gerade wenn es um emotionale oder psychische Formen von Gewalt geht. Dies sind oft „unsichtbare“ Formen, die dadurch auch lange verborgen bleiben können.
Auch Demütigungen, Einschüchterungen, ständige Abwertung oder das bewusste Vermitteln von Angst können Kinder nachhaltig schädigen. Entscheidend ist, dass Kinder Schutz, Sicherheit und eine respektvolle Behandlung brauchen – und keine Erziehung durch Angst oder Gewalt.
Was macht Gewalt mit einem Kind? Wie erleben Kinder Situationen, in denen ausgerechnet jene Menschen, bei denen sie sich sicher und geborgen fühlen sollten, ihnen Angst machen oder Gewalt antun?
Gewalt erschüttert das grundlegende Vertrauen eines Kindes. Besonders belastend ist es, wenn die Gewalt von Menschen ausgeht, von denen das Kind abhängig ist und bei denen es eigentlich Schutz suchen und sich wohl fühlen sollte.
Kinder reagieren auch sehr unterschiedlich: Manche werden ängstlich oder ziehen sich zurück, andere zeigen Wut, Aggression oder auffälliges Verhalten. Solche Reaktionen sind häufig Versuche, mit einer für sie überfordernden Situation zurechtzukommen.
Welche längerfristigen Folgen können Gewalterfahrungen in der Kindheit haben? Und umgekehrt: Was hilft Kindern dabei, solche Erfahrungen zu verarbeiten?
Gewalterfahrungen können unter anderem zu Ängsten, Depressionen, Problemen mit Vertrauen und Beziehungen oder Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation führen. Die Folgen sind aber nicht bei jedem Kind gleich.
Mit-entscheidend für die Verarbeitung sind Sicherheit, stabile Beziehungen und passende professionelle Unterstützung. Kinder können sich sehr gut entwickeln, wenn sie verlässliche Bezugspersonen haben und ihre Erfahrungen in einem geschützten Rahmen bearbeiten können.
Kinder suchen die Schuld für das Verhalten von Erwachsenen oft bei sich selbst. Begegnet euch das in eurer Arbeit?
Ja, Schuldgefühle begegnen uns in der Arbeit durchaus häufig. Kinder denken beispielsweise, sie hätten etwas falsch gemacht oder die Gewalt durch ihr Verhalten ausgelöst – oder in weiterer Folge – mit dem Offenlegen von erlebter Gewalt würden sie nun Familien „zerstören“.
Wir müssen ihnen klar vermitteln: Die Verantwortung liegt immer beim Erwachsenen, der Gewalt ausübt – niemals beim Kind. Das ist keine bloße Beruhigung, sondern eine zentrale fachliche Botschaft, die wir immer wieder vermitteln.
In politischen und öffentlichen Debatten tauchen derzeit wieder Stimmen auf, die körperliche Strafen in der Erziehung verharmlosen oder sogar eine Rückkehr dazu fordern. Was geht dir durch den Kopf, wenn du solche Aussagen hörst?
Mich persönlich beunruhigt das, weil es wissenschaftlich und aus der Praxis gut belegt ist, dass körperliche Strafen keine adäquaten Erziehungsmethoden sind. Sie vermitteln Kindern nicht, wie sie Konflikte lösen können, sondern dass sich der Stärkere mit Gewalt durchsetzt. Und diese Debatte helfen leider dabei, dies Ansichten wieder mehr salonfähig zu machen und ihnen Raum zu geben, der eigentlich längst nicht mehr da sein sollte.
Ein Satz, den man in solchen Diskussionen immer wieder hört, lautet: „Mir hat die Ohrfeige damals auch nicht geschadet.“ Was würdest du jemandem antworten, der so argumentiert?
Ich würde sagen: „Dass du heute gut zurechtkommst, bedeutet nicht, dass die Ohrfeige eine gute oder notwendige Erziehungsmethode war.“
Viele Menschen haben gelernt, belastende Erfahrungen zu relativieren. Wir sollten aber nicht von einzelnen persönlichen Erlebnissen auf die Wirkung von Gewalt bei allen Kindern schließen. Kinder brauchen Grenzen und Orientierung – aber ohne körperliche oder psychische Gewalt.
Warum ist das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung aus deiner Sicht keine Frage unterschiedlicher Erziehungsstile, sondern eine Frage von Kinderrechten?
Kinder sind eigenständige Menschen mit eigenen Rechten und einer besonderen Schutzbedürftigkeit. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung schützt ihre Würde, ihre körperliche und psychische Unversehrtheit.
Erziehungsstile dürfen unterschiedlich sein, viele Formen der Erziehung haben ihre Daseinsberechtigung. Gewalt ist aber keine Stil – oder Erziehungsfrage, sondern eine Grenzverletzung. Erwachsene tragen die Verantwortung dafür, wie sie mit ihrer Macht gegenüber Kindern umgehen.
Siehst du die Gefahr, dass durch solche öffentlichen Debatten Grenzen wieder verschoben werden?
Ja, diese Gefahr besteht, wie schon vorher erwähnt. Wenn körperliche Strafen öffentlich verharmlost werden, kann das die Hemmschwelle senken, Gewalt als vermeintlich legitimes Erziehungsmittel zu betrachten und es dadurch eben wieder gesellschaftsfähiger zu machen.
Gleichzeitig nehme ich wahr, dass Kinderschutz heute stärker thematisiert wird und viele Menschen sensibler geworden sind. Diese Entwicklung ist wichtig. Wir dürfen aber nicht nachlassen, Gewalt klar zu benennen und dem auch konsequent entgegen zu treten.
Zum Abschluss: Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher dieses Interview liest und selbst Gewalt erlebt: Was möchtest du diesem Kind sagen?
Ich möchte dir sagen: Du bist nicht schuld. Du hast das Recht, sicher zu sein und ohne Gewalt aufzuwachsen.
Wenn dir jemand Gewalt antut, darfst du darüber sprechen. Du musst das nicht allein aushalten. Such dir eine erwachsene Person, der du vertraust, und hol dir Unterstützung. Es gibt Menschen und Einrichtungen, die dir zuhören und dir helfen wollen.